Warum ist eigentlich die Weltmeisterschaftsstimmung in Brasilien so radikal gekippt? 2007, als wir die Nominierung als Gastgeberland erhielten, herrschte hier eine Euphorie, wie ich sie selten erlebt habe. Unser Land, das in aller Welt bisher nur für Strände, Sex, Fußball und heiße Mulattinnen in Karnevalskostümen stand, würde sein neues Gesicht zeigen können. Wir würden uns als Nation im Aufschwung präsentieren, mit einer Vorzeigedemokratie, einer wachsenden Mittelschicht und einer großartigen Lebensqualität.

Ein neues geflügeltes Wort kam auf: "Imagina na Copa!" Stellt euch vor, wie das zur WM aussehen würde! Der Spruch wurde auf alle und jede Aspekte der brasilianischen Lebenswirklichkeit angewendet, die damals noch nicht ganz vorführbereit waren – ein unfertiger Flughafen vielleicht, ein schmutziger Strand oder eine Serie gewaltsamer Überfälle. Doch niemand zweifelte daran, dass zur WM alles perfekt werden würde.

"Imagina na Copa!": Man muss diesen Spruch verstehen, um zu begreifen, warum in diesen Tagen kaum jemand mit einem gelb-grünen Trikot in unseren Städten herumläuft, warum keiner WM-Fähnchen schwenkt oder lustige Hüte mit Fifa-Abzeichen trägt. Wir müssen uns nicht mehr vorstellen, wie dieses oder jenes zur WM aussehen würde. Wir wissen es schon und fürchten uns davor.

"Imagina na Copa!" ist heute eine zynische Bemerkung, die für alles Schlechte und Peinliche in unserem Land verwendet wird: unfertige Bauarbeiten, Inflation, kilometerlange Staus, Gewalt, minderjährige Prostituierte, Lynchjustiz in den Straßen. Seit den Großdemonstrationen vom Juni 2013 wird sogar vieles, was gut läuft – die neuen Investitionen etwa, oder der Aufstieg neuer Schichten in den Wohlstand – ungerechtfertigt ins Gegenteil verkehrt. Jetzt hört man: Das ist ja alles nur eine Show für die WM, es wird nicht bleiben.

Auf einer Ebene hat diese Enttäuschung mit den Zyklen der Euphorie und der Niedergeschlagenheit zu tun, mit der kollektiven Verzauberung und anschließenden Entzauberung, die wir in unserem temperamentvollen Land häufig erleben. Das ist in Brasilien manchmal so. In Deutschland kennen Sie solche rapiden Stimmungsumschwünge vielleicht nicht.

Doch der ständig wiederholte Spruch vom "Imagina na Copa!" lässt uns einen tieferen Zusammenhang verstehen: Eigentlich haben wir Brasilianer überhaupt nichts gegen die WM. Wir haben nicht einmal etwas gegen die hohen Kosten der Stadien, weil wir sie problemlos bezahlen können, wir sind ja neuerdings ein reiches Land. Nein, uns beunruhigt das unbarmherzige Flutlicht, das die WM in den kommenden Wochen auf uns richten wird, der Blick der Welt auf unsere Schande, weil wir so viele Dinge notdürftig kaschiert haben.

Man wird sehen, dass wir eigentlich doch kein ausreichend ehrgeiziges Modernisierungsprojekt haben, das die Missstände in Bildungs- und Gesundheitswesen beseitigen, die Korruption eindämmen und den Ausgleich zwischen Arm und Reich schaffen könnte. "Die Fifa warnt: Brasilien ist nicht Deutschland!", stand zum Wochenende auf der Titelseite der Tageszeitung O Globo. Das war eine dämliche Überschrift, aber solche Dinge treffen uns ins Herz.

Wir haben Angst vor der WM. Sie wird ein Bild von uns zeigen, das wir nicht mögen. Deshalb wollen so viele Brasilianer in diesen Tagen nichts von der WM wissen. "Imagina na Copa?" Lieber nicht!

Aus dem Portugiesischen von Thomas Fischermann