Darf man für etwas so Profanes wie ein Fußballspiel beten? Padre Leandro kichert und zögert. "Ja, ich habe vor dem Spiel ein kleines bisschen gebetet", sagt er. Aber nur, damit bei dem Spiel alles gut geht, sich keiner verletzt, es friedlich bleibt, so etwas. Ansonsten legt der Pater das Fußballschicksal in die Hände Gottes: "Der Herr entscheidet, wer der Beste ist."

Nun, der Herr hatte an diesem Tag offensichtlich Entscheidungsschwierigkeiten. Das 0:0 zwischen Brasilien und Mexiko ging demnach auf seine Kappe. Er fand wohl weder die Mexikaner richtig doll, vielleicht weil sie nur alle Jubeljahre mal aufs Tor schossen. Auch die Brasilianer nicht, obwohl die so oft gen Himmel flehten, wenn sie mal wieder eine ihrer vielen, vielen Torchancen vergeben hatten. Der Geist war wohl willig, aber das Fleisch!

Deshalb wissen die 27 angehenden Priester des Seminario São José, dem ältesten Priesterseminar Brasiliens, nicht so richtig, was sie mit dem Spiel anfangen sollen. Dabei hatten sie sich so viel Mühe gemacht. Sie hatten sich einen Beamer besorgt und Tröten und gelbe T-Shirts. Es gab auch Eistee und Knabberzeugs. Rechts neben dem Beamerbild stellten sie ein großes, hölzernes Kruzifix, links eine Ikone. Beides wurde vor Kurzem von Papst Franziskus gesegnet, dessen Bild natürlich gerahmt an der Wand hing. Aber Herrgott noch mal, es half alles nichts.

In Brasilien leben die meisten Katholiken der Welt, 123 Millionen, und die verrücktesten Fußballfans, deren Zahl ähnlich hoch sein dürfte. Logischerweise leben damit in Brasilien auch die fußballverrücktesten Katholiken. Fußballclubs haben hier eigene Geistliche, auf dem Platz wird gebetet ohne Ende, auch weil viele aktuelle und ehemalige Spieler Evangelikale sind, die ihren Glauben nach außen offensiver angehen als so manches Spiel.

Bei der WM im Jahr 2002 trug Luiz Felipe Scolari, Katholik, eine Marienstatue mit sich herum, die die Umkleidekabine des späteren Weltmeisters segnete. Nirgendwo ist so viel Religion im Fußball. Und nirgendwo ist Fußball so viel Religion. Aber stopp mal: Fußball eine Religion? Ist das nicht arg frevelhaft?

"Uns stört es nicht, wenn die Leute so etwas sagen", sagt Padre Leandro. Fußball vermittele ja auch Werte wie Liebe und Freundschaft und das seien nicht die schlechtesten. Fußball macht die Leute glücklich und Glücklichsein ist auch eine Form von Spiritualität, sagt Felipe, 25 Jahre alt, angehender Priester.

Padre Leandro © Christian Spiller

Mit dem Glücklichsein aber war es an diesem Tag so eine Sache. Einerseits waren die Seminaristen glücklich, weil sie mal kurz dem Seminaristenalltag entfliehen konnten, der ansonsten so aussieht: Aufwachen um sechs, eine halbe Stunde beten, frühstücken, lernen, beten, eine Stunde Freizeit, lernen, beten, Messe, Abendessen, über Gott diskutieren, beten, ins Bett gehen.

Andererseits setzte ihnen das alles ziemlich zu. Einmal wirft der Beamer eine brasilianische Stadionschönheit an die Wand, die in Zeitlupe mit ihren Händen ein Herz in Richtung Kamera formt. Die Priester in spe grinsen verschämt. Sonst kauen sie Nägel, springen auf, setzen sich wieder, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, rufen laut, tröten mit ihren Tröten und stöhnen bei vergebenen Chancen – kurz: Sie machen einen Heidenlärm.

Sie klatschen sogar, als ein Mexikaner eine Gelbe Karte bekommt, was man unter dem Nächstenliebeaspekt durchaus kritisch sehen kann.

Vielleicht war die Nullnummer der Brasilianer gegen Mexiko aber nur folgerichtig. Als Strafe für das Eröffnungsspiel gegen Kroatien, dass die Brasilianer nur gewannen, weil plötzlich ein Elfmeter vom Himmel fiel. An Mexikos Torwart Guillermo Ochoa prallten an diesem Tag jedenfalls alle brasilianischen Schüsse ab, wie die Sünder an Petrus, dem Aufpasser vor der Himmelspforte.

Das gelobte Fußballland Brasilien ist nach diesem Spiel etwas verunsichert. Nach den starken deutschen und niederländischen Auftritten ist es nicht mehr der Top-Favorit auf den WM-Titel. Es ist vor allem nicht sicher, ob der Ein-Mann-Sturm namens Fred gut genug ist. Und sein Trainer Luiz Felipe Scolari stellte die rhetorische-konspirative Frage, ob seine Mannschaft bei dieser WM jetzt nie wieder einen Elfmeter bekommt?

Nur Padre Leandro überzeugt durch Gottvertrauen. Er sagt: "Es könnte schlimmer sein."