Manchmal gibt es ja Tage, an denen einem der eigene Job, den man ansonsten wirklich liebt, schlimmer vorkommt als Kloakentauchen in Mexiko-Stadt. Tage, an denen man denkt: Ach Welt, du hundsgemeines Ding, warum ausgerechnet ich? Sie ahnen es: Heute war so ein Tag.

Daniel, haben sie in der Redaktion gesagt, du bist doch WM-Pate der Engländer, schau dir bitte das Spiel gegen Costa Rica an und schreib ein paar schmissige Zeilen. An sich ein feiner Auftrag, wenn ich nicht zufällig Fußball-Fan wäre. Wenn nicht das dritte Spiel einer jeden Vorrundengruppe bei einem großen Fußballturnier parallel ausgetragen werden würde. Wenn dieses Parallelspiel nicht Uruguay gegen Italien geheißen hätte, ein Alles-oder-nichts-Duell zweier (eigentlich) bockstarker Mannschaften. Ja, wenn nicht die Partie, die mir zuteil wurde, der Kampf um die goldene Ananas gewesen wäre.

Es war ja, zumindest für einen Teil meines Fußballherzens, ohnehin schon ein ziemlich düsteres Turnier gewesen bislang, mit zwei knappen Niederlagen meines Patenteams gegen Italien und Luis Suárez. Aber dieser Kick, und das wusste ich wirklich schon vor dem Anstoß, hat dem Ganzen noch mal die Krone aufgesetzt. 0:0 gegen Costa Rica. Erregungslevel: minus 3.000.

Das ZDF hatte sich aus gutem Grund dafür entschieden, im Hauptprogramm das andere Spiel der Gruppe D zu präsentieren, und so war im Spartenkanal ZDFInfo außer mir und Kommentator Thomas Wark wohl niemand zu Gast. Der stöhnte nach 35 Minuten reichlich diplomatisch: "Es ist ziemlich langweilig hier in Belo Horizonte." Wäre er ehrlich gewesen, hätte er gesagt: "So, ich bin draußen, ich habe keinen Bock mehr. Schau’ dir diesen Schrott alleine an, Daniel."

Zwischen Anpfiff und Abpfiff? Nicht viel.

Aber gut, das hier soll ja ein Spielbericht sein, also berichte ich vom Spiel.

18.00 Uhr: Anstoß.

18:45 und 11 Sekunden: Abpfiff erste Halbzeit. (11 Sekunden zu lang, wenn Sie mich fragen.)

19:01: Anpfiff zweite Halbzeit.

19:49: Abpfiff.

Was es dazwischen gab? Groteske Spieleröffnungen von Chris Smalling und Gary Cahill, die den Ball völlig unbedrängt ins Seitenaus droschen, als werde er von einem Magneten außerhalb des Stadions angezogen. Einen Mann namens Ben Foster von einem Verein namens West Bromwich Albion im Tor, der – alle Achtung – eine recht gute Figur machte. Frank Lampard als Kapitän in seinem 106. und wohl letzten Länderspiel für die Three Lions. Und einen sehr gelangweilten Prinz Harry auf der Tribüne.

Klar, eine eingespielte Mannschaft konnte die englische an diesem Tag nicht sein, Trainer Roy Hodgson hatte auf sechs Positionen gewechselt. Das ohnehin fragile System brach folglich vollends in sich zusammen. Damit hätten wohl auch die englischen Fans gerechnet, nicht aber mit der gänzlich unterspannten, leidenschaftslosen Darbietung ihrer Heroen.

Costa Rica, Kompliment

Die Sportkommentatoren-Binse von der Traditionsmannschaft, die sich wenigstens noch mit Anstand aus dem Turnier verabschieden will, kann zwar niemand mehr hören, aber ganz ehrlich: Wünschen würde man sich das als Fan schon. Dass eine Mannschaft, die mindestens mit Viertelfinal-Ambitionen (und dem dazugehörigen Niveau) angereist war und nun nach der Vorrunde sieglos die Segel streichen muss, dass diese Mannschaft noch einmal alles gibt, um zu zeigen: Das war auch unglücklich, dass wir hier rausgeflogen sind. Was aber die Engländer in jeder einzelnen Sekunde dieses Spiels zeigten, war: Wir haben es uns redlich verdient.

Was in all der Wut des WM-Paten nicht untergehen soll: Kompliment, Costa Rica, alles richtig gemacht. Kräfte geschont, ohne dass es nach Wettbewerbsverzerrung aussah, dennoch nicht verloren und den Gruppensieg errungen. Was für ein Märchen. Das wird jetzt der Kollege Eike Kühl weitererzählen, der Pate der Costa Ricaner. Der hatte vor dem Turnier auf die Frage, warum sein Team Weltmeister werde, geantwortet: "Werden sie nicht, aber wenn sie zumindest Italien aus dem Turnier werfen, hat Deutschland doch eine Chance auf den Titel." Dieser Satz lässt mich meinen Arbeitstag doch noch mit einem Lächeln beenden.