Die beste Schweißvermeidung in Tropenhitze ist möglichst wenig Bewegung. Auf dem Fußballplatz heißt das, einfach mal nicht gegen den Ball zu treten. So wie Andrea Pirlo in der 35. Minute des WM-Spiels gegen England im schwül-heißen Manaus. Weil aber bei Andrea Pirlo selbst die Dinge, die er nicht tut, genial sind, wird aus der Anstrengungsvermeidung ein Tor. Der von ihm also durchgelassene Ball landet bei Marchisio, der ihn an den etwas verdutzten Engländern vorbei zum 1:0 ins Tor schießt.

Italien hat dieses Spiel am Ende aus drei Gründen gewonnen: weil es Andrea Pirlo und Mario Balotelli hat und weil es wie Italien gespielt hat. Man weiß als taktisch ungeschulter Zuschauer nicht so genau, warum, aber ihre Überlegenheit scheint irgendwie systemimmanent zu sein.

Dabei war es eigentlich wunderbar, wie die Engländer eine Stunde lang die Außenlinien entlangrannten und die Bälle auf das italienische Tor hämmerten. Schon in der vierte Minute traf der mitreißende Raheem Sterling mit voller Wucht das Außennetz; es sah aus, als würde der Ball im Winkel zappeln. Von da an war klar, dass das hier nicht die langweilige, sondern eine sehr unterhaltsame Variante des Klassikers stattfinden würde.

Die Vorberichte zu diesem Spiel hatten Manaus, die Stadt in den Tropen am Amazonas, zu einem zweiten Herz der Finsternis hochgeschrieben. Ähnlich wie Joseph Conrads gequälter Held Marlow würden die Spieler, von Hitze und Luftfeuchtigkeit niedergedrückt und besiegt von der brutalen Tropenhaftigkeit, über den Rasen schleichen, zusammenbrechen, früher oder später durchdrehen. Der Dschungel ist nicht für Menschen gemacht, auch nicht für Fußball.

Und schon gar nicht für Engländer. Die hatten sich über Tage in eine Rasen-Raserei gesteigert. Der war ihnen nämlich nicht gesund und grün genug, was ja kein Wunder ist bei der Obsession der Engländer mit ihrem Green: der heilige Rasen in Wimbledon, dass Drei-Millimeter-Grün der Golfplätze. Und die Parks erst! In Blow Up, dem allercoolsten London-Film, überstrahlt das Grün der Maryon Parks, in dem die Schlüsselszene spielt, den Rest der grauen Stadt wie grüne Lava. "The gras is always greener on the other side", sagen die Engländer, aber eigentlich müsste das andersrum der Rest der Welt sagen, für die England "the other side" ist.

In Manaus, auf der anderen Seite des Atlantiks, haben sie das Gras dann einfach irgendwann angemalt, damit es ein bisschen englischer aussieht, oder zumindest weniger braun. Kapitän Steven Gerrard und Trainer Roy Hodgson gaben Entwarnung. Und was sagte Andrea Pirlo zu all diesen Hindernissen? "Wenn es scheiße wird, wird es für beide Mannschaften scheiße."

In jedem Fall hatten die Zuschauer ihren Spaß. Weil Italien nach dem Führungstor einen sehr unitalienischen Kontrollverlust erlitt und fast im direkten Gegenzug das 1:1 kassierte. Wayne Rooney und Daniel Sturridge hatten gekontert, ein wunderbares Tempo-Tor, wie zu dieser Zeit England überhaupt sich das Feld nicht Stück für Stück eroberte, sondern es einfach überrannte. Von wegen Hitzelähmung.

Der offensive Mittelfeldspieler Sturridge und der junge Stürmer Sterling wirbelten gerade zu Beginn ziemlich oft durch die sogenannten Schnittstellen der italienischen Abwehr. Nach einer Stunde aber waren sie dann so erschöpft, dass sie immer wieder mit Krämpfen auf dem Rasen lagen. Da hatte der andere Ausnahme-Italiener Mario Balotelli schon seinen Auftritt gehabt und eine Flanke von Candreva zum 2:1 eingeköpft.

Die letzte halbe Stunde war dann gewohnte italienische Herrschaftsverwaltung. Nur einmal noch tauchte Andrea Pirlo auf. Er setzte einen Freistoß ziemlich elegant an die englische Latte. Das Stadion raunte auf, aber Pirlo hob nur kurz die Augenbraue und sah dem Ball sehr ernst hinterher. Es sah fast aus, als würde er sich über die ineffiziente, weil erfolglose Anstrengung ärgern.