Das afrikanische Restaurant "Tropical Point" in Hamburg © Kersten Augustin

Es ist ein bisschen, als hätte man keine Einladung bekommen für die Party, auf die alle gehen. Auf meinem klapprigen Damenrad radele ich kurz vor Anpfiff auf der Reeperbahn einem schwarz-rot-goldenen Strom entgegen, der zum Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld strömt. Mein Ziel: Ein afrikanisches Restaurant. Hier gibt es Ghana-Fans, hoffe ich, hier bin ich nicht ganz allein.

Das Restaurant hält, was der Name verspricht: Im Tropical Point in Hamburg-Altona ist es irre warm und feucht. Das Publikum besteht aus einigen Ghanaern und ein paar weißen Frauen mit Kurzhaarfrisuren und wallenden Kleidern. Es ist mein erstes Mal in einem afrikanischen Restaurant. Und mein erstes Mal, dass ich ZDF Info gucke.

Die erste Viertelstunde verläuft ereignislos, auf dem Spielfeld wie im Restaurant. Cristiano Ronaldo zeigt ein paar Mal, was er kann. Mit einem Freistoß und einem Kopfball, den der gute ghanaische Torwart klärt. Ich bestelle ein ghanaisches Bier und bekomme eins aus Nigeria. Es schmeckt eher wässrig. Das Essen dagegen ist richtig gut: Lamm in Erdnusssauce, fruchtig und ein bisschen scharf.

Eigentor in Zeitlupe

In der 25. Minute bekomme ich ein Problem: Selbst die Ghanaer sind offenbar Erfolgsfans und schalten zum Deutschlandspiel um. "They are playing so weak", rechtfertigt sich die Kellnerin. Wie soll ich jetzt über das Ghana-Spiel schreiben?

Ich werde nervös, als eine Parfümwolke den Laden betritt – und eine Gruppe von jungen schwarzen Teenagerinnen, einige von ihnen sind in Ghana-Fahnen gerollt. Sie sind meine Rettung. Sofort beschweren sie sich bei der Kellnerin: "Hier läuft Deutschland?!" Ohne, dass ich ein Wort sage, bin ich in die Gruppe integriert. "Was dagegen, wenn wir die Tische zusammenschieben?" Plötzlich sitze ich zwischen zehn jungen Frauen.

Die Mädels setzen sich durch, sie schalten wieder zum Ghana-Spiel, das artistische Eigentor Ghanas sehen wir aber nur noch in Zeitlupe. Ghana bekommt nach dem Gegentor wenig hin, bei den Teenies ist die Stimmung im Keller. Doch da, Verstärkung, in bauchfreien Tops, High Heels und T-Shirts mit der Aufschrift "Homies Hamburg".

Eine junge Frau schickt kurz vor der Halbzeit ein Stoßgebet gen Himmel: "Jesus, mach, dass Ghana ein Tor schießt, wenn ich diese Fanta ausgetrunken habe." Sie trägt untertellergroße Ohrringe in der Form des afrikanischen Kontinents. Die Halbzeit verbringe ich mit Durchatmen, meine Sitznachbarinnen mit dem Rauchen von Menthol-Zigaretten.

"Yeah Bitches, so geht das!"

Die Gebete scheinen zu helfen: In der 55. Minute, ein Tor, wenn auch für Deutschland. Eines der Mädchen, kommentiert das mit "Yeah Bitches, so geht das!" Auch die ghanaische Mannschaft kommt jetzt zu ersten gefährlichen Torschüssen. In der 57. Minute flankt Asamoah – meine Sitznachbarin kommentiert das mit "Oh mein Gott, Digga!" – dann der Kopfball von Gyan, Tor. Der Lärm ist ohrenbetäubend, Flaggen werden geschwenkt, bis sie von von den Plastikmasten fliegen und durchs Lokal segeln.

Nach dem Gegentor ist Ghana nah dran an der Führung, am Einzug ins Achtelfinale, es drängt auf das zweite Tor. Wenn Ghana noch ein Tor schießt, wären sie weiter. Andere haben mir das Rechnen abgenommen:

Die Mädchen essen mitgebrachte Mc-Donalds-Burger. In der 78. Minute kommt es dann zum fraglichen Höhepunkt des Spiels: Nein, nicht das zweite Tor für Ghana. Ein Portugiese reißt im Zweikampf von hinten an der Sporthose von Ayew, die Kamera zeigt die eng anliegende Unterhose in Großaufnahme und Superzeitlupe. Die Teenies sind erst peinlich berührt und kichern dann.