Irgendwas war komisch an dem Spiel, das spürte ich. Im Stadion wedelten die spanischen Zuschauer mit weißen Tüchern. Ein Zeichen der Ablehnung, sagten sie im Fernsehen. Der deutsche Reporter Eberhard Stanjek und meine Mutter sprachen von einem Skandal. Aber ich verstand nicht, worüber sich die Erwachsenen aufregten. Ich freute mich über das 1:0 gegen Österreich. Hauptsache gewonnen, die Deutschen waren eine Runde weiter. Kommt's nicht darauf an im Fußball?

Das Spiel der Weltmeisterschaft 1982 ging später als "Schande von Gijón" in die Geschichte ein. Ich war damals zehn Jahre alt und wusste zwar, dass man niemanden absichtlich foult. Das tut weh. Dass Fußball aber auch eine moralische Dimension hat, konnte ich nur ahnen.


In Gijón merkte ich zum ersten Mal, dass es um mehr als Siege und Tore geht: Beide Mannschaften begingen Verrat am Fußball – durch einen Nichtangriffspakt. Heute weiß ich auch: Dieses Spiel erzählte ein Lehrstück, das ich erst im Nachhinein entschlüsselte. Gijón war Teil meiner moralischen Erziehung.

Gut zehn Minuten lief alles normal, dann gingen die Deutschen durch Hrubesch auf Flanke von Littbarski in Führung. Es dauerte nicht lange, dann geschah das Ungeheuerliche. Beide Mannschaften beließen es dabei, rund siebzig Minuten lang. Denn beide profitierten von dem Resultat. Die Tabelle wollte es so: Falls Deutschland mit einem oder zwei Toren Unterschied gewinnen sollte, qualifizierten sich beide für die nächste Runde. Und Deutschland gewann in Gijón 1:0.

Scheinfußball auf dem Rasen

Es sind Bilder für die Ewigkeit: Breitner läuft im Mittelfeld ein paar Meter quer, schiebt den Ball zu Kaltz, der trabt nach vorne, bleibt stehen, tritt auf den Ball und passt quer zu Dremmler, der aus fünfzig Metern zu Schumacher im Tor zurückspielt. Alles im Zeitlupentempo und unbehelligt vom Gegner. Dann schlagen die Deutschen den Ball ziellos in die andere Hälfte und Österreich macht ein paar Minuten das Gleiche. Aufs Tor schießt niemand. Als einmal ein Österreicher ein Foul begeht, rüffelt ihn ein Mitspieler. Bloß nicht die Deutschen reizen! Es hätte nur noch gefehlt, alle Spieler hätten sich in den Mittelkreis gesetzt. Absurder Scheinfußball über etwa siebzig Minuten, nicht mal nur in der Nachspielzeit.

Welche Blamage für den deutschen und österreichischen Fußball! Die spanische Presse bezeichnete das Spiel in Anspielung auf 1938 als "El Anschluss". Wenn ich Gijón heute auf YouTube schaue, frage ich mich, warum mich das als Zehnjähriger nicht störte. Vermutlich, weil man es erst als Jugendlicher lernt, moralische Erwartungen Dritter einzuschätzen. Damals war ich damit überfordert.

Es gab damals aber auch Bilder, die etwas in mir auslösten. In den Tagen nach dem Spiel sah ich im Fernsehen algerische Fans. Sie standen auf den Rängen und wedelten mit Geldscheinen. Die Amateurfußballer aus Algerien hatten den Deutschen zuvor die blamabelste Niederlage ihrer WM-Geschichte zugefügt. Jetzt musste das Land zusehen, wie es aus dem Turnier geschoben wurde. Durch das 1:0 war Algerien nur noch Dritter.

Das "Algerien-Gefühl" konnte ich schon damals nachempfinden. Fans und Spieler waren persönlich betroffen, die Bilder ihrer Wut und Verzweiflung sind mir bis heute im Kopf. Auch wenn sich Jahrzehnte später herausstellte, dass die algerischen Spieler wohl gedopt gewesen waren. Zwar unwissentlich, wie es heißt, aber gedopt. Sie zeugten überdurchschnittlich viele behinderte Kinder.