Heute kann meine Elfenbeinküste das Achtelfinale einer WM erreichen. Das hat sie bislang noch nie geschafft. Ein Remis würde reichen. Wie aufregend. Das entscheidende Spiel möchte ich unbedingt in einem würdigen Ambiente sehen, irgendwo in meiner Stadt in Westdeutschland, dort, wo ein wenig was los ist. Da das nächste ivorische Lokal laut Google 328 Kilometer von mir entfernt ist, gehe ich zum Griechen um die Ecke.

Als ich ankomme, frage ich mich, ob das eine so gute Idee gewesen ist. So richtig raus mit meiner Sympathie würde ich hier nicht kommen können. Das gebietet der Respekt vor dem mit vielen Nationalfahnen geschmückten Lokal und seinen Gästen. Aber auch ein wenig der Argwohn, den ich hege. Manche sehen angespannt aus, der eine guckt mich schon so an. Sie könnten noch ausfallend werden oder handgreiflich. Dass ich für die Elfenbeinküste bin, traue ich mich jetzt nicht zu sagen.

Dem Inhaber Giorgios hatte ich gestern am Telefon erzählt, dass ich Fan der Elfenbeinküste bin. Als er mich jetzt darauf anspricht, sage ich, dass ich aber auch die Griechen sehr mag. Das hatte ich mir so zurechtgelegt. Stimmt ja auch. Ich mag alle Nationen.

Die Kellnerin bringt mir einen Ouzo zur Begrüßung. Vielleicht bekommt den jeder Gast. Aber wahrscheinlich liegt es an meiner elegant-diplomatischen Herangehensweise für diesen Abend.

Zum Essen ist es mir zu spät. Auch wenn die Karte verlockend ist und die gegrillte Zucchini auf dem Vorspeisenteller meines Nachbarn lecker aussieht. Ich bestelle Mythos, ein hellenisches Lagerbier, zum Runterkommen nach dem Ouzo. Sollte man mal getrunken haben, in dieser Kombination.

Mein Nachbar trägt ein Trikot von 2004, dieser Sternstunde des griechischen Fußballs, als die Hellenen den EM-Titel holten und bis heute keiner weiß, wie das passieren konnte.

Was gibt ihm bei dieser WM Hoffnung?, frage ich ihn.

"Gute Frage", sagt er und blickt von seinem Vorspeisenteller auf.

Gekas?

"Wohl kaum", sagt er und verschluckt sich fast an einer Aubergine.

Die Griechen haben bislang kein Tor bei dieser WM geschossen. Gekas hat sogar in einem Spiel einmal das leere Tor aus vier Metern verfehlt.

Die anderen Griechen neben mir starren auf den Fernseher. Der Anpfiff rückt nun immer näher. Die gefüllten Weinblätter meines Nachbarn bleiben unberührt liegen. Die Aufregung hat ihm wohl den Appetit geraubt. Zu den Nationalhymnen gibt es ein munteres Stühlerücken der übrigen Gäste, sie wollen auch etwas sehen. Sie hatten das Spiel wohl gar nicht auf dem Plan. Jetzt bekommen sie noch ein spannendes Finale zum Nachtisch.

Eine Lokalrunde für das erste Turniertor

Nun, so spannend ist es zunächst nicht. Als erstes Highlight zimmert ein Grieche den Ball an die Latte. Das Lokal stöhnt auf, Euphorie entwickelt sich langsam. Während mir unwohl wird, weil die Ivorer nichts Vergleichbares zustande bringen.

Kurz vor der Pause gehen die Griechen in Führung. Ihr erstes Turniertor könnte ihnen das Achtelfinale bescheren. "Darauf gibt es eine Runde Ouzo aufs Haus", ruft Giorgios durch die Gegend, die Kellnerin ist da schon unterwegs.

"Jamas", johlen alle und recken ihr Pinnchen in die Höhe. Ich mache das nach. Später erfahre ich, dass das so viel wie Prost bedeutet. Hatte mir schon so etwas gedacht.

In der zweiten Hälfte nutzen die Griechen ihre Chancen nicht. Eine Viertelstunde vor Schluss erzielt die Elfenbeinküste auf einmal den Ausgleich. Ich balle die Faust in meiner Hosentasche. Drei Minuten später wird Gekas eingewechselt. Plötzlich riecht es nach Putzmittel und Chlor. Jemand säubert den Toiletten-Trakt. Die Kellnerin kommt kassieren, die Zapfhähne werden abgedreht, das Lokal verstummt. Im TV ist der ausgewechselte Drogba zu sehen, wie er die letzten Minuten betend und flehend verbringt. Ich gönne dem Kapitän der Ivorer diesen Triumph so sehr. Alles scheint da schon gelaufen zu sein. Im Geheimen, tief in mir, bin ich glücklich. Vor der Tür würde ich es gleich rauslassen können.

Dann läuft die letzte Minute.

Die allerletzte Minute.

Angriff Griechenland.

Ein Ivorer lässt sein Bein im Strafraum stehen.

Ein Grieche stolpert darüber.

Der Schiedsrichter pfeift Elfmeter.

Griechenland verwandelt.

Der Schiedsrichter pfeift ab.

Was für eine Tragödie!

Als der erste Jubel vorüber ist, bricht Hektik aus. Jeder muss jetzt mit seiner veränderten Stimmung improvisieren. Giorgios schmeißt spontan eine Lokalrunde Ouzo. Immerhin, den kann ich jetzt auch gut gebrauchen, denke ich und rufe "Jamas" mit allen anderen.

Auf dem Weg nach draußen soll sich jeder eine Fahne nehmen. Ich nehme eine, die ganz klein ist. Sie steckte in einem Blumenkübel. Vor der Tür stehen schnell ein paar Autos zum Korso bereit. Ehe ich überlegen kann, ob das so sinnvoll ist, steige ich bei Giorgios ein und sitze hinten neben der Kellnerin. Der mit dem Vorspeisenteller ist auch am Start. Giorgios hat seine riesige Flagge in die Tür geklemmt. Sie flattert im Fahrtwind. Der Beifahrer grölt aus dem Fenster. Die Straßen gehören den Griechen, uns begegnen immer mehr lärmende Autos, aus denen blau-weiße Fahnen wehen.

Es hätte auch anders kommen können. Es war eigentlich schon anders, aber es ist jetzt so, das ist Fußball, sage ich mir, als es auf unser hupendes Auto regnet und tröpfelt. Es mögen die Tränen der Elfenbeinküste sein, schätze ich, als meine Augen etwas feucht werden. Ich ahne, wie es gerade den Menschen in Yamoussoukro und Abidjan geht. Weil die goldene Generation der Ivorer es zum dritten Mal infolge nicht geschafft hat, ihnen den Einzug ins Achtelfinale zu schenken. Und es diesmal tragischer nicht hätte sein können.

Ich freue mich aber auch für die Griechen und blicke auf die Minifahne, die ich in der Hand halte. Ich freue mich für die Menschen in Piräus, Athen, auf Kreta und in dem Auto, in dem ich auf einmal sitze.

In vier Jahren kann es die Elfenbeinküste wieder schaffen. Und weil ich Giorgios und die anderen Menschen sehe, die so glücklich sind, fällt es mir mit jedem Meter, den wir durch die Nacht fahren, etwas leichter, nicht mehr so traurig zu sein.