In der Hitzeschlacht von Lausanne schoss letztmals ein Schweizer Spieler drei WM-Tore in einem Spiel. Das ist sechzig Jahre her, der Gegner hieß Österreich, Josef "Seppe" Hügi, auch "Goldfüßchen" genannt, hieß der Scorer. Gestern Abend erinnerte sich die Schweiz an diesen Moment ihrer Fußballhistorie. Xherdan Shaqiri schoss drei Buden. Und auch in Manaus, inmitten des brasilianischen Regenwalds, war es verdammt heiß, so unerträglich heiß wie damals in Lausanne.

Aber zum Glück sind wir mit den Parallelen damit durch. 1954 verlor die Schweiz trotz dem Dreier von Seppe Hügi 5 : 7. Gestern Abend hieß der Gegner Honduras. Der schaffte es nicht, zehn Chancen für ein einziges Törchen zu nutzen. 3 : 0 hieß es daher nach 93 Minuten. Die Schweiz ist qualifiziert fürs Achtelfinale. 

Aber seien wir einen kurzen Moment lang ehrlich: Es war ein Arbeitssieg, der erneut viele Schwächen aufdeckte. Die Schweizer Verteidigung mit dem beim HSV endgültig verunsichert gewordenen Johann Djourou hatte unglaublichen Dusel, sie wankte in der schwülen Luft wie einst das legendäre Schweizer Quizmaskottchen Teleboy am Samstagabend. Im Aufbauspiel wimmelte es von Ungenauigkeiten und gefährlichen Fehlpässen. Nur ein Spieler machte den Unterschied: Shaqiri, der Kraftwürfel in Diensten der Bayern. Allenfalls waren es zwei: Auch Torhüter Benaglio hielt sich deutlich besser als sein zentralamerikanischer Gegenpart. Zugegeben, vielleicht drei: Der Ex-Nürnberger und Neo-Leverkusener Josip Drmić glänzte als Vorbereiter mit zwei Assists.

Trotzdem bleibts dabei: Alles hätte schiefgehen können. Ein Törchen von Honduras, ein winziges von Ecuador im Parallelspiel – Ottmar Hitzfelds Eidgenossen wären raus gewesen. Zu deren Glück passierte das nicht. Ecuador blieb gegen die Franzosen zu harmlos, genauso Honduras gegen die Schweiz. Ohne fußballerische Haute Cuisine gezeigt zu haben, durften die Rotjacken feiern. 

Angst vor der Angst

Dass die helvetische Erleichterung so groß war wie nie, lag an der Angst zuvor. Sie war gigantisch gewesen. Man muss mittlerweile fast von einer chronischen WM-Angst sprechen, die die Schweizer immer befällt, wenn ihnen etwas gelungen ist. 2006 hatte man die Vorrunde problemlos überstanden – schon versagten angesichts der plötzlich großen Möglichkeiten gegen die Ukraine die Nerven. 2010 hatte man Titelverteidiger Spanien zum Auftakt besiegt – und scheiterte danach kläglich, weil man im entscheidenden Spiel gegen Honduras kein Tor zustande brachte. Dieses Schicksal drohte sich nun plötzlich zu wiederholen. Auftaktsieg gegen Ecuador, Debakel gegen Frankreich – und wieder dieses störrische Honduras vor der Nase. Sollte es ein Déjà-Vu geben?

Schließlich war die Aufgabe fast die gleiche wie damals im südafrikanischen Bloemfontein, ein wenig schwerer gar noch: Unter Umständen reichte wegen der miesen eigenen Tordifferenz nicht mal ein Sieg. Die Nerven lagen blank südlich von Baden-Württemberg. Zu allem Elend kam vor dem Spiel der Schlagabtausch zwischen den Schweizer Medien und dem von ihnen kritisierten Shaqiri hinzu. Ursache: enttäuschte Hoffnungen. Schließlich war man als Weltranglistensechster ins Turnier gegangen; mancher Beobachter hatte schon, besoffen vom Anblick dieser schwachsinnigen Fifa-Tabelle, vom Durchmarsch ins Finale geträumt. Von der besten Schweizer Nati aller Zeiten hatte man gesprochen – und schwupp hauten die Franzosen fünf Tore ins helvetische Netz.

Sollte es zum endgültigen Debakel kommen, sollte ein Waterloo gegen einen Fußballzwerg Hitzfelds letztes Fußballspiel sein? Nein. Der Kleinste auf dem Platz rettete den Größten am Spielfeldrand. So schnell kann es gehen. Gegenstöße, Tor, Tor, Tor. Nur ein wenig wirkte danach die schlechte Stimmung, die vor dem Spiel geherrscht hatte, noch nach: als Shaqiri in der Mixed Zone trotz seiner drei Treffer der Journaille die kalte Schulter zeigte.

Die Schweiz kann jetzt mit dem guten Fußball anfangen

Aber im Prinzip ist nun alles angerichtet für eine qualitative Wende. Wäre nämlich bis zum jetzigen Zeitpunkt alles gut gegangen, hätte wieder die vertraute Lähmung wegen Erwartungsdruck eingesetzt. Ukraine 2006 reloaded hätte gedroht.

Stattdessen bietet sich der Schweiz verspätet eine Chance. Sie kann zwei Wochen nach WM-Eröffnung gründlich mit dem guten Fußball anfangen, zu dem sie im Prinzip fähig wäre. Denn erstens hat sie mit Honduras ein Gespenst besiegt. Zweitens sind die Erwartungen wieder auf dem Boden angelangt. Drittens steht der Schweiz im Achtelfinale mit Argentinien ein Team gegenüber, gegen das man nur gewinnen kann. Viertens hat Ottmar Hitzfeld nicht genug (man hat es ihm angesehen). Fünftens: Xherdan Shaqiri.

Ich habe übrigens gesehen, dass in der Torjäger-Rangliste nur noch ein Treffer Shaqiri von Messi und Neymar trennt. Die drei Großen sind quasi unter sich – noch. Messi wird schon nach dem Achtelfinale weg sein. Neymar könnte es zwar ins Halbfinale schaffen – scheitert dort aber an Deutschland. Realistisch betrachtet dürfte damit die Torjäger-Krone Shaqiri  gehören. Die macht sich gut neben dem Pokal.