Ach bitte, seien Sie doch so lieb und fragen mich nicht mehr nach dem Biss, ja? Ich kann Ihnen dazu nämlich leider gar nichts sagen. Und zu der roten Karte und dem Schiedsrichter und dem Tor und dem Leid der Italiener und dem Jubel der Uruguayer auch nicht. Noch nicht mal verabschieden vom göttlichen Andrea Pirlo kann ich mich! Denn ich habe zwar jede Sekunde des Spiels Uruguay gegen Italien gesehen. Und doch habe ich nichts gesehen.

Das kam so: Nach zehn Minuten vor dem Fernseher, das Spiel bestand bis dahin eigentlich nur aus abwechselnd tretenden und umfallenden Männern und einem Schiedsrichter, "der mexikanische Geistliche, der vielleicht aufgrund seine Glaubens sehr viel verzeiht", wie der Moderator sagt. Eine Minute später bewirbt er dann ein "Rundum-Sorglos-Paket" in der ZDF-App, und wer bin ich, dass ich das nicht will.

Teil der App ist der so genannte Taktikblick. Man muss sich das als künstliche Stadionperspektive vorstellen, und die Stadionperspektive, sagen die Stadiongänger immer, sei ja sowieso viel besser. Man sieht da viel mehr vom Spiel. Wie die Spieler laufen und wie schnell das alles geht, wie sich das Spiel verlagert, die Reihen verschieben, Räume entstehen und wieder verschwinden. Beim Fußball ist die Stadion-Totale das Vinyl unter den Kameraperspektiven. Der gute, alte, pure Stoff.

Und welches Spiel würde sich für die Hardcore-Taktik-Perspektive besser eignen als eines mit Italien, den Taktik-Erfindern? Ich schalte den Fernseher aus und die App auf dem iPad an.

Nie mehr ohne Béla Réthy

Es ist dann alles sehr schrecklich. Anfangs kneife ich noch die Augen zusammen, wenn da hinten vor dem zwanzig Pixel breiten Tor der Urus irgendwas passiert, aber das bringt ja auch nichts. Die Kamera zoomt nämlich kaum und es gibt auch keine Wiederholungen und Zeitlupen, noch nicht einmal Schnitte, keine Einblendungen von Spielzeit oder Spielernamen, und keinen Kommentator, nur Stadionton.

Ich breche nun das letzte deutsche Tabu: Fußball ohne Fernsehkommentatoren ist der pure Horror. Glauben Sie mir, es tut mir weh das zu sagen nach Jahren der Béla-Réthy-Verachtung und des Steffen-Simon-Hohns, aber ich möchte nie mehr ein Spiel sehen ohne ihr Gelaber.

Sie haben ja keine Ahnung, wie schrecklich es ist, mit so einem Spiel allein zu sein. Ich weiß nicht, wer am Ball ist und was die Trainer an der Seitenlinie machen, mir fehlen die Geschichten über die Fehltritte der Spieler, die Aufstellungen und überhaupt all die Dinge, die mit einem solchen Fußballspiel verbunden sind. Ich weiß die nämlich nicht alle selbst, sondern bin froh, wenn mir sie jemand erzählt. Sie finden das bequem? Ich auch. Schön bequem! Ich bin Fernsehfußballfan.

Ich will die Nahaufnahme

Was sehe ich also mit dem Taktikblick? Ich sehe wirklich, wie sich die Reihen verschieben. Nach festen geometrischen Mustern verteilen sich die Spieler auf dem Feld und laufen dann wie an Schnüren immer nur ein paar Meter heraus aus ihren Positionen. Es sieht von hier oben so aus, als bringe der Ball nur unnötig Unruhe in diese Ordnung. Die Taktikperspektive soll die Zusammenhänge und die wirklich entscheidenden Dinge beim Fußball zeigen. Wissen Sie was? Ich will das gar nicht sehen, es sieht so mechanisch aus und so wenig nach Freiheit. Ich will die große Show, die Action und die Nahaufnahme.

Was ich also alles nicht sehe oder kaum: Die Rote Karte für Marchisio: Ein Mann im blauen Trikot trottet vom Feld, nachdem er irgendwie mit einem Mann im weißen Trikot zusammengeknallt ist. Der Biss von Suárez: Eine egale Torraumszene, zwei Männer liegen auf dem Boden und andere rotten sich zu Gruppen zusammen. Das Tor: Ganz klein da hinten springt ein weißer Punkt hoch und das Netz wackelt. Wer der Torschütze war? Keine Ahnung. Ich könnte nachschauen im Internet, aber jetzt bleibe ich hart. Man kann sich diese Taktikdiät so vorstellen wie eine dieser dann gerne zu Buchform verarbeiteten Internet-Enthaltungskuren. Ich bin dann mal offline? Ich bin dann mal Realtime.

Das einzige, was wirklich großartig ist an dieser Perspektive: Nach dem Treffer den ganzen uruguayischen Block hinter dem Tor im Bild zu haben, wie er explodiert, ein ekstatisches blau-weißes Rechteck auf meinem kleinen Taktik-Bildschirm.

Dann lieber Fast-Food-Fußball

Als das Spiel vorbei ist, laufen die Urus und ihre Betreuer wie aufgescheuchte Ameisen übers Feld, sie jubeln jetzt bestimmt. Meine Italiener bleiben einfach stehen oder fallen um und ich möchte sie streicheln und trösten, aber ich bin ja viel zu weit weg.

Später hole ich alles nach. In der App gibt es einen Bereich namens MyView: Das Tor und die Torschüsse, wie Balotelli die Gelbe Karte bekam, weil er aus zwei Metern Höhe einem Gegenspieler von oben auf den Kopf trat; die Rote Karte und der Biss und der Jubel und die Trauer, hier kann ich es alles nachsehen, in kleinen Clips und aus vielen Kameraperspektiven. Es ist, als dürfte ich mich nach einem endlosen Rohkost-Buffett endlich durch einen Berg Big Macs fressen. Und Schokolade. Und Chips. Fernsehfußball mag Fast-Food-Fußball sein, der billige, schnelle Kick. Nach 90 Minuten mit der Taktikkamera weiß ich: Feinschmecker werde ich nicht mehr.