Fehlpass, wer wird denn gleich von Fehlpass reden? Das war ein Lehrbeispiel aus der Steffen-Freund-Schule, das Philipp Lahm in der 63. Minute darbot. Blöd halt, dass die Aktion den Rückstand gegen Ghana verursachte. Jetzt fordern manche, dass Lahm zurücktreten soll. Also zurück in die Abwehr, auf seinen alten Platz. Der Abwehr würde eine Degradierung des Kapitäns bestimmt gut tun, aber auch dem Mittelfeld, wo Lahm eine starke Saison hingelegt hat? Was wäre denn die Alternative für das Zentrum? Kroos und Schweinsteiger, die Doppel-6 vom 4:4 gegen Schweden und vom 0:4 gegen Real Madrid? Lahms Quote der gewonnenen Zweikämpfe lag gegen Ghana übrigens bei 100 Prozent.

Muss Schweinsteiger jetzt rein?

Die Idee drängt sich auf. Es ist schon viel Blödes über Fußball geschrieben worden. Aber zu dem Blödesten gehört das Lamento, dass Schweinsteiger kein Siegertyp sei. Wenn einer von Jogis Jungs Führungskraft und Cojones ausstrahlt, dann er. Der Mann hat einfach große Lust aufs Fußballspielen und Gewinnen. Und 'nen dicken Hals hat er wohl auch. Mit der Presse spricht er seit Wochen nicht, am Samstag ging er wortlos, aber bedeutungsgeladenen Blickes durch die Mixed Zone. Lust und Hals und Bedeutung – eine ideale WM-Mischung.

War der Plan, Sami Khedira als Leader einzuplanen, obwohl er lange verletzt gewesen war und Real Madrid im Champions-League-Finale erst dann gut wurde, als er auf der Bank saß, eine Schnapsidee?

Vermutlich.

Spielt jetzt Klose?

Vermutlich nicht oder nur kurz. Mit seiner Einwechslung kam zwar Penetranz ins deutsche Spiel, nur zwei Minuten danach schoss Miroslav Klose sein Tor. Doch er hat nun mal einen alten Akku, der entlädt sich schnell. Löw sollte Klose dosiert einsetzen. Damit läge er ohnehin im Trend. Die Joker sind bei diesem Turnier nicht mehr die 19- oder 21-Jährigen, die Welpen, die sich mal ein paar Minuten zeigen sollen. Die Joker sind diesmal Drogba, Forlan oder eben Klose. Alte Hunde, die nicht mehr jedem Stöckchen hinterherrennen.

Sind die Außenverteidiger das Problem?

Sieht so aus. Ihr Offensivspiel sieht sehr improvisiert aus. Boateng streute manche gelungene Aktion ein, ist aber jetzt wohl erst einmal verletzt. Mustafi rannte die Linie rauf und runter, ist aber nicht eingebunden. Höwedes rannte auch, schlug aber Kerzen, als hätte er die Sache mit dem Vertikalspiel falsch verstanden. Und in der Defensive? Na ja, beim Ausgleich für Ghana waren Höwedes und Mustafi am Gegentor beteiligt. Höwedes, zur Ehrenrettung, beim Ausgleich für Deutschland aber auch.

Warum schießen Lahm und Özil nicht mal aufs Tor?

Gute Frage. Mit Vorgaben der Fifa hat das unseren Informationen zufolge nichts zu tun.

Kommt Deutschland weiter?

Kann man drauf wetten. Das war zwischendurch mal anders. Im Spiel gegen Ghana, zwischen der 63. und 71. Minute tauchte ein Gespenst im Stadion von Fortaleza auf: das Vorrundenaus. Deutschland stand vor dem 1:3 und machte einen zerzausten Eindruck, der den langjährigen Beobachtern des Löw-Fußballs ein Déjà-vu bescherte. Kloses Ausgleich und das Remis zwischen den USA und Portugal haben das Gespenst wieder vertrieben. Selbst eine knappe Niederlage gegen die Amerikaner würde der DFB-Elf wohl fürs Achtelfinale reichen.

Wahrscheinlicher ist aber ein Unentschieden. Es wäre das Reenactment von Gijon '82. Damals schaukelten sich Deutschland und Österreich mit einem 1:0 in die nächste Runde und Algerien aus dem Turnier. Diesmal würde eine Punkteteilung beiden genügen: den USA zur nächsten Runde, den Deutschen zum Gruppensieg. Retten Löw und Klinsmann das transatlantische Bündnis, wie Rob Alef twittert? Und noch eine Pointe: Algerien könnte sich im Achtelfinale an Deutschland für Gijon '82 rächen.

Wie steht es nun um Löw, ist er ein Stückchen weiter, ein ganz Großer zu werden?

Jein.
Nein, denn: Vor dem Turnier sagte er, er habe einen klaren Plan. Das Wildwestspiel gegen Ghana war hoffentlich so nicht darin vorgesehen.
Ja, denn: Die Einwechslungen von Klose und Schweinsteiger sicherten den Punkt und die Tabellenführung. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Reagieren und Improvisieren vom Trainer gefragt ist.