Bis zur 65. Minute bot das Match in Recife ausreichend Gelegenheit für das abendliche Kamillendampfbad und Salzwassergurgeln. Als Teampatin hat man es während dieser aufregenden WM ja ohnehin nicht leicht, aber wenn noch eine Sommergrippe dazukommt, muss man reagieren. Meine Mexikaner mussten das weniger. Ihnen reichte bereits ein Unentschieden zum Achtelfinaleinzug, Kroatien hätte gewinnen müssen. Dass die Karohemden das nicht nur gewollt, sondern auch gekonnt hätten, war nicht zu spüren. Die zaghaften Angriffsversuche von Modrić und Mandžukić endeten spätestens 25 Meter vorm Tor an der souveränen Fünferkette von El Tri. Für die einzig sehenswerte Offensivaktion in der ersten Hälfte sorgte Héctor Herrera in der 16. Minute mit einem Linksschuss aus gut 20 Metern ans kroatische Lattenkreuz.

In der zweiten Hälfte ging es ähnlich ereignisarm weiter. Ohne Husten- und Niesreiz wäre ich in der seligen Annahme eingeschlummert, dass Mexiko mit einem 0:0 locker zum sechsten Mal in Folge das WM-Achtelfinale erreicht. Doch dann reichte es dem Trainer Miguel Herrera offenbar mit dem Plätscherspiel, mit Javier Hernández, dem Edelreservisten von Manchester United, brachte der Mann mit dem lustigen Mittelscheitel einen zweiten Stürmer. Und El Chicharito (das Erbschen) sorgte gleich für Alarm im kroatischen Strafraum, wenn auch erst mal nur verbal, als Schiedsrichter Ravschan Irmatov einen klaren Handelfmeter verweigerte.

Jetzt waren alle wach, besonders der Kapitän Rafael Márquez. Der 35-Jährige Abwehrchef, vom Trainer Herrera reaktiviert, machte in der 72. Minute den mexikanischen Klose, köpfte nach Ecke von links den Ball ins Tor. Drei Minuten später Konter über die rechte Seite: Doppelpass der beiden Stürmer Hernández und Oribe Perralta, der für Andrés Guradodo auflegt, der dem kroatischen Torwart aus sieben Metern keine Chance lässt. Kaum war das nächste Salbeibonbon ausgewickelt, krachte es schon wieder im Kasten von Pletikosa. Dieses Mal durfte El Chicharito in eigener Sache jubeln. Die Kopfballverlängerung nach einem weiteren Eckball nickte Hernández völlig frei stehend ein. Ach, wirklich rührend: die Tränen in den Augen des Stürmers, dessen Vater und Großvater schon für El Tri spielten. Gut, dass meine Taschentücher ohnehin bereit lagen.

Was macht den Erfolg der Mexikaner aus?

Vielleicht doch das Sexverbot, das Herrera, Spitzname El Piojo (die Laus), ausgesprochen hatte. "Bisher ist noch niemand nach 40 Tagen Abstinenz gestorben", hatte Herrera gesagt. Jedenfalls wirkten die Mexikaner wieder hellwach, hoch konzentriert und taktisch diszipliniert. Alle zehn bis 15 Minuten legten sie einen Rhythmuswechsel hin, der die Kroaten wie tumbe Tolpatsche aussehen ließ. Erst acht Leute in der eigenen Hälfte, die Angriffsbemühungen des Gegners ausbremsend, dann plötzlich ein paar Minuten aggressives Pressing bis zur gegnerischen Strafraumgrenze, dann wieder zurück. Kein Sex also Erfolg im Sport? Liebes Wissen-Ressort, bitte übernehmen.

Wer war der beste Mann auf dem Platz?

Guillermo Ochoa, der gut aussehende Lockenschopf im Tor der Mexikaner, konnte sich gegen Kroatien nicht so in Szene setzen wie noch gegen Brasilien. Musste er auch nicht. Allerdings gab es gegen Kroatien das erste Gegentor für Memo. So war der "man of the match" Rafael Márquez – mit seinem Tor machte er das Achtelfinale so gut wie sicher. Viel wichtiger ist aber, dass er die Fünferabwehrkette, aus der sich bei Bedarf die beiden Außenspieler ins Angriffsspiel einschalten, als zentraler Spieler organisierte und dirigierte.

Wie können im Achtelfinale die Niederländer geschlagen werden? 

Tja, seit 1994 hat Mexiko bei jeder WM das Achtelfinale erreicht, dort aber stets verloren. Damit das gegen die Niederlande anders wird, muss El Tri so weiter spielen wie bisher. Die langen Pässe auf Robben und van Persie sollten von der Márquez-Kette abgesaugt werden. Und dann gibt es ja noch das Erbschen – das der Oranje-Abwehr Schmerzen zufügen kann. Als Vorbereitung bietet sich an, das Spiel Niederlande - Chile anzugucken – da können die Mexikaner studieren, wie man es nicht machen sollte. Warum selbst das Spiel machen? Die Niederländer sehen sich doch als Titelfavorit! El Tri, Ihr seid zum Kontern da!

Und ich zum Jubeln. Also: nach Wadenwickel und aztekischen Beschwörungsformeln werde ich mir zum Achtelfinale einen heißen Tequila organisieren, dann klappt es auch gegen Holland.