Rio de Janeiro ist eine sehr schöne Stadt. Sie hat Strand und Wasser und Sonne und vor allem hat sie unendlich viele Kneipen. Man muss hier nur aus der Haustür fallen, schon landet man in einer Eckkneipe, bekommt ein Bier auf den Tisch gestellt und noch eins und noch eins und der Rest des Tages vergeht auf eine angenehm gedankenlose Art und Weise.

Da kann auch so ein WM-Spiel nicht stören. In meiner Kaschemme im Stadtteil Botafogo jedenfalls geht es an diesem Abend sehr unaufgeregt zu. Kein Vergleich mit dem Rumgelärme auf dem Fifa-Fanfest auf der anderen Seite des Berges in Copacabana, wo die Touristen sind. Hier, wo die Klappstühle auf dem Bürgersteig stehen, wird die WM entschleunigt, hier wird der Fußball auf Normalgröße zurechtgeschrumpft.

Die Brasilianer haben nämlich die sympathische Angewohnheit, noch nicht unter dem Public-Viewing-Fieber zu leiden. Sie schauen zu Hause mit Freunden, oder eben in der Kneipe. Und dann wird getan, was getan werden sollte, wenn Fußball geguckt wird: Es wird Fußball geguckt. Niemand blökt die Hymne mit, keiner kreischt herum, ab und zu hupt eine Vierjährige mit einer Tröte, die aussieht wie eine Pumpgun. Das wars.  

Auch als Neymar kommt, rastet niemand aus. Obwohl Neymar gut ist. Gegen Kamerun ist er erneut der einzige Brasilianer, der weiß, was genau mit so einem Fußball anzustellen ist. Zwei Tore macht er, er hat damit schon vier und ist bislang bester Torschütze der WM. Doch gejubelt wird in Botafogo nur im Sitzen.

Auch das Tor von Fred, dem vielgescholtenen Stürmer, der sich aus Trotz einen Pornostar-Schnäuzer hat wachsen lassen, reißt niemand von den Holzhockern. Nur die Vierjährige feiert mit Freistoßspray, warum auch nicht. Die angehenden Priester, die ich vor ein paar Tagen besucht habe, gingen mehr ab.

Ausscheiden, so ein Quatsch!

Das Nette an dieser allgemeinen Grundentspanntheit dem schönen Spiel gegenüber ist ja, dass auch Rückschläge lockerer genommen werden. Zwischenzeitlich sah es für Brasilien gar nicht so doll aus. Gegen Kamerun, eine der schlechtesten Mannschaften dieser WM, stand es mal 1:1. Und Kamerun machte Druck. 

Für einen Moment lag in der Luft, was sich niemand so recht hätte vorstellen können: Dass Brasilien in der Vorrunde ausscheidet, bei der WM im eigenen Land. Das ist natürlich völlig unmöglich. Eher friert der Strand von Ipanema zu. Weshalb sich in der Kneipe auch niemand Sorgen machte. Ausscheiden, so ein Quatsch, noch ein Bier bitte!

Bei so viel Arglosigkeit kann auch ich mich also auf etwas anderes konzentrieren. Auf das Biertrinken und -bestellen etwa, das in Brasilien gar nicht so einfach ist. Jedes Land hat bekanntlich seine eigene Bierkultur. Hier fängt die schon mit den Gläsern an, Chopp werden sie genannt. Sie sind so klein, dass ein kräftiger Schluck genügt, um sie erneut auffüllen zu müssen. Sie erinnern ein wenig an Kölschgläser. Auch geschmacklich passt sich das brasilianische Bier mit seiner strengen Wassernote bekannten Kölschmarken an. 

Gefährlicher Flaschenegoismus

Perlen vor die Säue sind deshalb die Flaschenkühler. In die großen Plasteringe wird in diesem Land jede, ja wirklich jede Flasche gesteckt, damit sie nicht zu warm wird. Wenn die Brasilianer etwas nicht ausstehen können, dann sind es laue Biere und Argentinier.

Neben dem Hang zur falschen Temperatur könnte dem europäischen Bierfreund auch sein Flaschenegoismus zum Verhängnis werden. Beim Biertrinken wird in Brasilien gleichzeitig die Sozialkompetenz getestet. Das Getränk kommt pro Tisch, nicht pro Trinker. Eine große Flasche für alle, die aufgeteilt wird. Das setzt tiefes Vertrauen in die Gruppe voraus. Und einen guten Charakter. Angst haben muss aber niemand. Die nächste Flasche kommt bestimmt. Man wird sogar ganz subtil zum Weitertrinken motiviert.

Die leeren Flaschen werden nämlich nicht abgeräumt, sondern bleiben auf dem Tisch stehen. Das hilft dem Kellner später beim Zusammenrechnen, hat aber vor allem Angeberpotenzial. Man darf sich als Gewinner fühlen, wenn man hinter dem eigenen Tisch vor lauter Flaschen kaum noch zu sehen ist, während die Loser vom Nebentisch noch immer an der zweiten Flasche nuckeln.

Apropos Gewinner (Sie merken, dass bierselige Überleitungen die schönsten Überleitungen sind): Die Brasilianer haben also nun die Gruppe A gewonnen. Im Achtelfinale treffen sie am Samstag auf Chile, das bekanntlich neulich die Spanier nach Hause geschickt hat. Chile ist also eine Mannschaft, die zu diesem frühen Zeitpunkt der K.o.-Runde zu den eher unangenehmen Aufgaben gehört.

Man konnte dann doch noch eine leichte Ungewissheit erkennen in den Augen der Brasilianer. Vielleicht friert ja doch bald Ipanema zu. Aber dann ist das Bier wenigstens immer schön gekühlt.