ZEIT ONLINE: Frau Kummerow, Herr Kummerow, wie läuft es heute in Brasilien, bei Ihnen auf dem Campingplatz, sind Sie aufgeregt vor dem Spiel gegen die USA?

Annemarie Kummerow: Warten Sie, mein Mann hört nicht so gut am Telefon, auch wenn ich es laut stelle.

Otto Kummerow: (aus dem Hintergrund) Nee, nee.

Annemarie Kummerow: Also bei mir geht's so mit der Aufregung. Wir haben heute Abend Besuch, ein Ehepaar aus Erlangen kommt zu uns ins Vorzelt zum Fußballgucken. Mit denen waren wir schon in der Türkei zusammen im Urlaub, nach dem Krieg wurden die beiden hier bei Kiel evakuiert.

ZEIT ONLINE: Evakuiert?

Annemarie Kummerow: Ja, das kennen Sie als junger Mann nicht mehr, was? Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die als Flüchtlinge hier an. Ich selbst wurde nach Bayern evakuiert. Aber das ist lange her. Inzwischen haben der Otto und ich hier seit 47 Jahren einen Dauercampingplatz in Brasilien hinterm Deich.

ZEIT ONLINE: Dann ist so eine Fußball-WM für Sie nichts Besonderes mehr?

Annemarie Kummerow: Wir fiebern trotzdem mit. Für heute Abend haben wir den Backofen aus dem Vorzelt in den Wohnwagen getragen, damit draußen Platz für den Fernseher ist. Backofen und Fernseher sind ja tragbar. Das Spiel ist auch interessant, weil der Klinsmann und der Löw alte Freunde sind. Ich bin natürlich für Löw.

ZEIT ONLINE: Ihr Mann auch?

Otto Kummerow: (aus dem Hintergrund) Ja, ja.

ZEIT ONLINE: Ihr Wohnwagen steht genau hinter dem Deich, aber davor am Strand hat die Gemeinde ja extra ein Public Viewing organisiert. Wie ist es da denn so?

Annemarie Kummerow: Sie meinen diesen Beachclub? Ja, da war ich einmal. Dieses Public Viewing ist zu mickerig. Die Fernseher sind so groß, wie andere Leute einen bei sich im Wohnzimmer stehen haben. Und wenn die Sonne drauf scheint, sieht man gar nichts mehr. Aber gut, Netto, diese Lebensmittelkette soll das aufgebaut haben, die hatten wohl nicht mehr. Als ich da war, gab es jedenfalls mehr Würstchenbuden als Zuschauer.

ZEIT ONLINE: Sie schauen heute also lieber im kleinen Kreis mit dem befreundeten Ehepaar aus Erlangen?

Annemarie Kummerow: Dazu kommt vielleicht noch der eine vom Stellplatz vorn an der kleinen Straße und dann hat sich ja Ihr Kollege angemeldet, der mit der Kamera, der will ja einen kleinen Film drehen, hier auf dem Campingplatz. Also sind wir wohl zu sechst.

ZEIT ONLINE: Der Kollege freut sich schon seit Tagen auf den Besuch bei Ihnen. Ist bei dieser WM etwas anders als bei den zehn, die sie zuvor auf dem Campingplatz erlebt haben?

Annemarie Kummerow: Schauen Sie: Heute hat doch jeder seinen eigenen Fernseher, jeder schaut also für sich oder geht auf so ein Public Viewing von Netto. Früher war das anders. Muss etwa 40 Jahre her sein, da waren wir hier die einzigen mit einem Fernseher auf dem ganzen Campingplatz. Unser Vorzelt war viel größer, mindestens 20 Leute haben gemeinsam geschaut. Damals war dieses Gemeinschaftsgefühl viel stärker, den Zusammenhalt unter den Menschen, den meine ich. Auch wenn es nur ein Schwarz-Weiß-Gerät war.

ZEIT ONLINE: Haben Sie getippt, wer gewinnt heute, wie hoch?

Annemarie Kummerow: Mir reicht ein 1:0 für Deutschland. Wir sind ja eher bescheidene Menschen, nicht wahr, Otto?

Otto Kummerow: (aus dem Hintergrund) 5:0 für Deutschland!

Brasilien an der Ostsee - Die Copacabana hinter Kiel An der holsteinischen Ostseeküste befindet sich in der Gemeinde Schönberg der Ortsteil Brasilien – direkt neben Kalifornien. Traumstrände und Offenheit hinter dem Deich lassen den brasilianischen Geist aufleben.