"Den König von Spanien hab ich allzeit geehrt", sangen die niederländischen Spieler noch vor dem Anpfiff, so heißt es im Text ihrer Nationalhymne. Ausgerechnet sie, mit ihrem voetbal totaal ja so etwas wie die Ahnherren des modernen Ballbesitz-Fußballs, versetzen dem dominierenden Spielstil der vergangenen Jahre den Todesstoß – 5:1 gewinnt die Niederlande gegen Spanien im ersten Gruppenspiel.

Damit ist eine der Schlüsselfragen dieser WM vielleicht schon nach der dritten Partie beantwortet. Denn dieses Turnier sollte ja Aufschluss darüber geben, ob Spaniens Tiki-Taka, der möglichst lange Ballbesitz, immer noch die beste Verteidigung ist und zum vierten großen Titel in acht Jahren führen kann. Die Zahlen sind eindeutig: Das Modell funktioniert nicht mehr.

Am Ende hat die Furia Roja fast doppelt so viele erfolgreiche Pässe gespielt wie die Elftal (540 zu 276) und zu zwei Dritteln der Spielzeit den Ball besessen. Aber Oranje trifft fünfmal so oft ins Tor wie Spanien. Noch Fragen?

Bis zur 44. Minute deutete nichts auf das Ende einer Ära hin. "Erkenntnis 1: Sie können's noch. Erkenntnis 2: Sie wollen's auch noch. Leider." Das hatte ich mir als Pate des niederländischen Teams schon leicht zerknirscht als Halbzeitbilanz für die Spanier notiert; zu cool hatten sie bis dahin einfach das gemacht, was sie in den letzten sechs Jahren immer gemacht haben: Sich traumwandlerisch sicher den Ball zugeschoben und das eine Tor erzielt, das ihnen in der Regel für einen Sieg reicht. 

Mit Robustheit gegen Wirbelwinde

Doch dann gelingt Robin van Persie, der in wichtigen Länderspielen bislang selten ganz große Momente hatte, ein FlugkopfballheberTORpedo für die Geschichtsbücher. Aus 13 Metern Entfernung produziert er das Paradox eines wuchtigen Lupfers und stellt das Spiel buchstäblich auf den Kopf.

Van Persies Mannschaft war durchaus mit Selbstzweifeln in diese Revanche für das WM-Finale von 2010 gegangen. Außer ihm und den Sturmkollegen Wesley Sneijder und Arjen Robben ist die Elftal von 2014 ein Team der Namenlosen, viele junge Leute aus der heimischen Liga. Selbst der alte Fahrensmann Nigel de Jong wusste nicht recht, wie man diesmal dem iberischen Wirbel begegnen sollte. Beim Endspiel in Südafrika hatte er es mit Gewalt und einer Kung-Fu-Einlage versucht, diesmal schien ihm gar kein probates Mittel mehr einzufallen. "Mal schauen, wie wir am besten dagegen ankämpfen", sagte er vor dem Anpfiff, es müsse ja nicht immer die hohe holländische Schule sein.

Nach van Persies Tor spielen sich die mutmaßlichen Außenseiter in einen Rausch. Genau diese Momente, der Einbruch des Unglaublichen, machen den Fußball so unwiderstehlich. Wie das so schnell passieren konnte? Offenbar haben die Spanier das Team der Namenlosen unterschätzt und nicht jenen inneren Drang entfesseln können, den man braucht, um ein Team zu beherrschen, das nichts zu verlieren hat.