Während der letzten Weltmeisterschaft, 2010, war ich in Deutschland, und wie jeder andere Fan auch habe ich meine Zeit damit verbracht, Bier, Bier und noch mehr Bier zu trinken, und zwischen den Bieren brüllte ich, so laut ich konnte, "Deutschland! Deutschland! Deutschland!" Das war gut, das muss ich zugeben. Ich fühlte mich vollkommen mit den Menschen verbunden, ich tauchte ein in die große Freude der Massen im Vaterland, und als ich die schwarz-rot-goldene Flagge um mich schlang, fühlte ich mich wie im Himmel. In recht kurzer Zeit wurde ich, kurz gesagt, zu einem guten Deutschen.

Natürlich wollte ich, wie jeder andere gute Deutsche auch, dass jede nicht-deutsche Mannschaft auf der Stelle besiegt und komplett zerstört wird. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich jedes Mal jubelte, wenn ein deutscher Fußballer ein Tor schoss. Ich war sehr stolz auf Deutschland. Während der Spiele fing ich an, mich selbst als guten Menschen zu sehen, als gebildeten Menschen, als vorurteilsfreien Menschen – kurz: als Deutschen. Und nicht nur das, ich fühlte mich auch wie ein echter Sportler. Wenn irgendein Spieler, das heißt, irgendein deutscher Spieler, den Ball verfehlte, schrie ich "Scheiße", mindestens sieben Mal. Und wenn ich sah, dass ein deutscher Spieler eine Torgelegenheit hatte, brüllte ich ihn an – ich meine sein Abbild auf dem Fernseher in der Kneipe, in der ich saß –, die Gelegenheit zu nutzen und sofort abzuziehen.

Diese Verhaltensweisen kennen Sie bestimmt von sich selbst.

Wir wissen beide, wie viel Spaß es macht, vor dem eigenen schwitzenden Team Bier zu trinken und den Spielern zu erklären, was sie tun sollen und was nicht. Noch mehr Spaß macht es, sich zugehörig zu fühlen, als Mitglied eines Stammes. Man wickelt sich in die deutsche Flagge und fühlt sich auf der Stelle sicher. Ich habe es geliebt. Um den Augenblick voll auszukosten ging ich manchmal zu selbsternannten Menschenrechtsaktivisten, Menschen, die schwören, ihr Leben dem Kampf gegen jede Form von Nationalismus verschrieben zu haben, und brüllte mit ihnen gemeinsam "Deutschland". Es ist seltsam, das gebe ich zu, aber cool ist es auch. Wirklich.

Dann kam ich ganz unten an

Das einzige Problem war bloß, dass jeder dieser Fernseh-Sportler – damit meine ich die intellektuellen, Bier trinkenden Freidenker um mich herum – über jede Einzelheit zum Leben jedes einzelnen Spielers Bescheid wusste, während ich nicht einen einzigen Namen kannte. Manchmal kam ich mir deshalb absolut ungebildet vor. Wie man sich denken kann, schämte ich mich im Laufe der Zeit immer mehr dafür. Und schließlich hörte ich auf, kurz bevor ich bei einem bestimmten Spiel von gewissenhaften Fans fast enttarnt worden wäre. Ich hörte auf zu trinken, ich legte die Flagge ab, ich schrie nicht mehr und trank statt Bier nur noch Cola Light.

Ich war ganz unten angekommen.

Es wird Sie nicht überraschen, dass ich in diesem Jahr während der Weltmeisterschaft nicht in Deutschland sein wollte. Stattdessen bin ich nach Israel geflogen. Ich dachte mir: Israel müsste, wegen der gar-nicht-so-weit-zurückliegenden Geschichte der beiden Völker, maximal weit weg von Deutschland sein. Ich dachte, in Israel würde ich sieben Mal pro Stunde "Deutschland!" rufen können, ohne dass jemandem auffiel, dass ich nicht einen Spieler auf dem Feld benennen kann.

Toller Plan. Ob es klappt?

Während ich dies schreibe, bin ich in den Straßen von Tel Aviv unterwegs und suche nach der idealen Kneipe für einen Fußballfan wie mich, doch statt einer Kneipe finde ich Gregor Gysi. Ja, genau, den Gregor.

Ich gehe zu ihm hinüber und will ihn fragen, ob er, als frei denkender Mensch wie ich, mit mir in irgendeiner Kneipe "Deutschland!" brüllen möchte, doch stattdessen stellen ihm meine Lippen eine andere Frage. Wie fühlt es sich, höre ich meine Lippen fragen, für einen Juden wie Sie an, in einem jüdischen Land zu sein? Gregor, der ein cleverer Typ ist, erkennt sofort, dass er es mit einem tief verletzten Deutschen zu tun hat, und vertraut mir an, er sei sich nicht ganz sicher, worauf ich hinaus wolle. Ich hätte den Wink verstehen und ihm von meiner Kneipen-Idee erzählen sollen, doch meine Lippen spielen ein Spiel mit mir und erzählen ihm, seine Schwester habe mir vor kurzem verraten, dass sie Juden seien. "Mein Vater war Jude", erwidert Gregor, "aber meine Mutter nicht."