Es wäre einfach, diesen Einstimmungstext auf die heute startende Fußball-WM mit viel Euphorie beginnen zu lassen. Die WM ist nicht nur zu Gast bei Freunden, die WM ist zu Gast bei Liebenden, Fußball-Liebenden: Brasilien! Wohl keine Nation der Welt ist so fußballvernarrt wie die Gastgeber des größten Sportereignisses der Welt. Doch das wäre nur die halbe Wahrheit. 

Die Brasilianer sind wütend. Sie haben schon die Generalprobe für diese WM platzen lassen. Beim Confederations Cup gingen sie im vergangenen Sommer auf die Straße und protestierten gegen den Größenwahn und die Kommerzialisierung des Fußballs. Kann sein, dass diese Wut auch in den nächsten fünf Wochen vieles andere verdrängt.  

Dann würde der Fußball nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Dann wird diese gigantische WM womöglich die letzte dieser Art werden. Und dann werden wir – ähnlich wie während der Olympischen Spiele in Sotschi – über die Ausrichtung unserer Berichterstattung diskutieren.

Aber zunächst zurück zur Ausgangslage: Unser Reporter und Brasilien-Experte Christian Spiller wird in den nächsten fünf Wochen von Rio de Janeiro aus Brasilien bereisen. In seinen Texten, Videos, Fotos und Tweets wird er die Reaktionen der Brasilianer auf die WM beschreiben – egal, ob sie vor Freude tanzen oder vor Wut protestieren.

Unser zweiter Reporter, Oliver Fritsch, hat sein Büro ganz in der Nähe des Mannschaftsquartiers der Nationalelf bezogen, zumindest so nah, wie es möglich war, wenn man nicht für ARD oder ZDF arbeitet. Er wird das deutsche Team twitternd durch das WM-Turnier begleiten, seine Leistungen analysieren und Joachim Löw im Falle des Titelgewinns gratulieren.

Brasilien - Was macht die Fußball-WM mit Brasilien?

Bleibt noch Schland, jener Staat, in den sich Deutschland alle zwei Jahre verwandelt, wenn Fußball-EM oder WM ist. Schwarzrotgoldene Außenspiegel-Kondome, Fähnchen hier, Bier dort, Ausnahmezustand. Sie wissen schon, die einen sagen: Olé-Olé-Olééé. Die anderen sprechen von Brot und Spielen reloaded.

Wie es wirklich ist, wollen wir in einem journalistischen Experiment überprüfen. "Was macht die WM mit Ihnen?" Diese Frage werden wir ab heute täglich einer Person aus einem deutschen Dorf stellen. In Schleswig-Holstein gibt es das deutsche Brasilien – dieser winzige Ort hat sich uns dafür geradezu aufgedrängt. An jedem der 32 WM-Tage interviewen wir einen deutschen Brasilianer – vom Dauercamper über den Seebrückenkapitän, Sternekoch, die Tankstellenverkäuferin bis hin zum Fußballtrainer des Dorfes. Mal sehen, wie die ungefilterte Meinung aus der deutschen Provinz ist.

Brasilien an der Ostsee - Die Copacabana hinter Kiel An der holsteinischen Ostseeküste befindet sich in der Gemeinde Schönberg der Ortsteil Brasilien – direkt neben Kalifornien. Traumstrände und Offenheit hinter dem Deich lassen den brasilianischen Geist aufleben.

Falls Sie sich nun fragen, ob auch Fußball gespielt wird bei der Fußball-WM: Wir gehen davon aus. Deshalb werden wir über jedes Spiel live berichten und die Partien des deutschen Teams sowie ausgewählte K.O.-Spiele livebloggen.

Und auch unser zweites Experiment hängt mit den Fußballspielen in Brasilien zusammen. Wir wollen den Pulsschlag der WM ermitteln. In unserem Turnierplan bekommt jede WM-Partie ein Elektrokardiogramm (EKG). Wir messen die Anzahl der weltweiten Tweets zu jedem der 64 Spiele und visualisieren die Aufmerksamkeitskurve. So sah das beim letzten Testspiel des deutschen Teams gegen Armenien aus:

© GettyImages

Und natürlich lesen wir auch alle Tweets – oder fast alle. Wie schon bei der vergangenen WM und EM suchen wir wieder zu jedem Spiel den originellsten Spielbericht in 140 Zeichen. Twittern Sie einfach unter dem Hashtag #wmtweet. Wenn wir Ihre Interpretation des Spiels für extrem unterhaltsam halten, werden wir Sie und Ihre Worte als offiziellen ZEIT-ONLINE-WM-Tweet verewigen. Ruhm, Ehre, mehr als Sepp Blatter je bekommen hat, wird Sie bis zum Lebensende begleiten.

In diesem Sinne: Anpfiff.