Wenn unten WM ist, schlüpft Mario da Silva in seine Flip-Flops, zieht sein gelbes Hemd über und läuft den Hügel runter. Er hat es nicht weit. Ein bisschen links, ein bisschen rechts, durch ein paar enge Gassen, über die Metrogleise und die Hauptstraße, dann steht er vor dem Maracanã. Er läuft einmal um das Stadion herum, singt mit Chilenen oder frotzelt mit Argentiniern. Das ist seine WM. Wenn die anderen ihre Eintrittskarten hervorkramen, kehrt Mario um. Er läuft wieder hinauf, über die Straße und die Gleise, und setzt sich vor den Fernseher. Oben in seiner Favela.

Mario lebt in der Favela Mangueira, die an einem Hügel über dem Maracanã klebt. Wer ganz oben wohnt, kann auf seiner selbstbetonierten Terrasse sitzen und die WM-Spiele im Fernsehen schauen, während im Hintergrund das sagenhafte Stadion in der Dunkelheit lärmt und leuchtet. Wie ein Raumschiff, das aus Versehen vor einer Favela gelandet ist. Oben auf den bröseligen Terrassen Mangueiras ist die WM sehr nahe – und unendlich weit weg.

Bis vor ein paar Jahren galt Mangueira als einer der gefährlichsten Orte der Stadt. Kein Polizist traute sich her. Drogen, Waffen, was auch immer – niemand von außerhalb wusste, was in den verwinkelten Gassen wirklich geschah. Vor drei Jahren kam dann die UPP, der Befriedungstrupp der Polizei, der das Gesetz zurückbringen sollte.

Buraco Quente, heißes Loch, heißt der Eingang zur Favela immer noch. Es riecht nach Gras, Funk dröhnt aus den Boxen. Es gibt ein paar Restaurants und Kioske. Überall stehen Grüppchen zusammen, die jeden, der vorbeigeht, mit verschränktem Armen mustern. Vor allem die, die hier nicht hingehören. Ein Hund durchwühlt Mülltüten, Kinder schieben sich in Einkaufswagen die Straße hinauf. Wer genau hinschaut, erkennt die Einschusslöcher in den Häusern. Wenigstens die Waffen sind verschwunden, zumindest sind sie nicht sichtbar.

Stadion des Volkes

Vor 59 Jahren wurde Mario hier geboren und ist nie weggegangen. Er ist stolz auf Mangueira, wegen der Sambaschule, die eine der besten der Stadt ist. Vor allem aber wegen des Maracanã.

Fußball war in Brasilien lange das Spiel der einfachen Leute. In Rio de Janeiro, einer Stadt, in der die sozialen Gegensätze kaum auszuhalten sind, gab es nur zwei Orte, an denen alle gleich waren: den Strand und das Maracanã. Das Stadion wurde in der Mitte der Stadt gebaut, weil sich dort der reiche Süden und der arme Norden berühren. Das Stadion wurde kreisrund gebaut, weil so alle Plätze genau gleich weit vom Spielfeld entfernt waren. "Das Maracanã war einmal das Stadion des Volkes", sagt Mario.

Häuser in Mangueira © Christian Spiller

Er sitzt in seinem Häuschen, etwa fünf mal fünf Meter groß. Fünf Zimmer auf zwei Etagen, das ist okay, auch wenn sich seine drei Enkel ein Zimmer teilen müssen. Von seiner Terrasse kann Mario über die halbe Stadt blicken und über Mangueira, mit seinen roten Backsteinmauern und schlecht verputztem Beton. Auf seinem großen Flachbildfernseher laufen alle WM-Spiele. Mario hat auch eine Stereoanlage, drei Kanarienvögel und unzählige Bibelsprüche an der Wand. Der Pudel Kira trägt während der WM ein Brasilientrikot.

Natürlich ist Mario fußballverrückt. Aber nicht so verrückt, dass er wirklich glaubt, er könne mal ein WM-Spiel sehen, dort unten, in seinem Stadion. "Ich träume davon, aber wie soll ich das bezahlen?" 100 Euro kostet ein Ticket durchschnittlich, fast die Hälfte des brasilianischen Mindestlohns. Und dann ist da noch die Sache mit Flamengo.

Das Flamengo-Trikot ist verschwunden

Seine Frau bringt Mario einen Cafezinho, jene brasilianische Kaffeespezialität, die so stark ist, dass sie jedem Mitteleuropäer das Herz flattern lässt. Mario trinkt und bittet sie, ihm sein Flamengo-Trikot zu holen. Er ist Fan, wie fast alle seiner Nachbarn. Flamengo, der Klub des Volkes. Wenn Mengo verliert, singen die gegnerischen Fans "Ela, Ela, Ela, Silencio na Favela". Marios Frau aber findet das Trikot nicht. Er hatte es schon eine Zeit lang nicht mehr an.