Als letzte der 32 Teams haben sich Russland und Südkorea in Brasilien präsentiert. Zwei biedere Kollektive kickten antiquiert, langatmig, mit Stockfehlern durchsetzt. Der Betrachter fühlte sich wie in einer WM-Retrospektive. Auch das Endergebnis schien ihm von Anbeginn bekannt: unentschieden. Doch seltsamerweise wird man diese Partie nicht vergessen, woran die allermeisten Spieler keine Schuld trifft.

Die Propheten weissagen für Gruppe H Belgiens Sieg und Algeriens Ausscheiden. Den zweiten Achtelfinalplatz hätten folglich Russland und Südkorea auszuspielen. Beide scheuten die Entscheidung und wählten Sicherheit. Griffen die Koreaner an, zogen sich sämtliche Russen zurück. Ging Russland zagherzig vor, geschah das mit handballartigem Kreisspiel oder Glücksucher-Flanken. Tatsächlich gelang Stürmer Kokorin bereits in der 28. Minute ein Kopfball weit über die Kiste des koreanischen Keepers Jung. Asiatische Highspeed-Kombinationen blieben gleichfalls aus. Immerhin hatte schon nach elf Minuten Son, von Koo bepasst, haushoch über Akinfejews Tor gedonnert. Die 36.000 Zuschauer in Cuiaba – bis dato WM-Minusrekord – feierten die Magerkost mit "Brasil! Brasil!".

Das weckte die Kontrahenten. Sie besannen sich auf die Kunst der Väter und starteten ein Fernschuss-Festival. Nach einer halben Stunde traktierte Ignaschewitsch das Tor der Morgenröte mit einem Freistoßhammer, den Jung prallen lassen musste – haarscharf am schussbereiten Faisulin vorbei. Drei Minuten später lenkte derselbe Ignaschewitsch einen Koo-Schuss hart neben Akinfejews rechten Pfosten. Kurz vor der Halbzeit zog Son an der Strafraumgrenze ab und traf den Mond. Der argentinische Schiedsrichter Pitana – strikt, doch heiter, da Geburtstagskind – pfiff zur Pause. Das Publikum pfiff mit.

Es ist einfach nicht Akinfejews Tag

Aber dann! Gleich nach Wiederbeginn entschärft Jung eine Faisulin-Granate. 47. Minute: Beresuzki trifft das linke Außennetz. Dann kommen die Koreaner. In der 50. Minute patscht Akinfejew einen Schuss des Mainzers Koo aus dem rechten Dreiangel. 51. Minute: Akinfejew lässt einen Schuss von Ki prallen. 56. Minute: Sons Freistoß rutscht Akinfejew durch die Arme, bevor er den Ball doch noch unter sich begräbt. Was ist da los?  

Seit einem Jahrzehnt gilt Igor Akinfejew vom Meister ZSKA Moskau als Russlands Torwart-Titan. Mit den Moskauer Abwehrhünen Ignaschewitsch und Beresuzki garantiert er jenes safety first, das Trainer Fabio Capello vor alle Offensive setzt. Doch dies scheint nicht Akinfejews Tag.

Vom Torwart-Gegenüber Sung-Ryong Jung weiß man, dass der lieber faustet als fängt. So auch in der 62. Minute, als Jung Kombarows Schuss nach vorn entspringen lässt – abermals ohne Folgeschäden. Und dann kommt die unvergessliche 67. Minute. Knapp hinter der Mittellinie erhält der eingewechselte Lee den Ball. Er läuft, bleibt unbedrängt und zieht aus 25 Metern ab. Der Ball fliegt frei. Akinfejew sieht ihn lange kommen und könnte fausten, ohne Risiko. Aber wie sieht das aus, wenn der große Akinfejew auch dieses Geschoss nicht fängt. Im letzten Moment öffnet er die Hände. Und tatzt sich die Kugel ins Netz.

Man sieht Lee toben. Akinfejew liegt rücklings im eigenen Tor, reglos, schamtot, die Hände über dem Gesicht. Endlich kommt er mühsam hoch. Feldmaresciallo Capello muß nun wahrhaftig stürmen lassen. Schirkow geht, Kerschakow kommt. Und drischt schon nach zwei Minuten aus einem Strafraumgewimmel die Kugel ins koreanische Tor. Ausgleich. Die Koreaner plagen Krämpfe. Die Russen wollen mehr. Vier Minuten Nachspielzeit. Sekunden vor Schluss bricht Kokorin links durch und serviert, diagonal durch den Strafraum, Samedow den Ball zum Sieg. Der Angespielte holt gewaltig aus und produziert eine himmelhohe Kerze. Schusstechnisch ist das fast unmöglich, doch die Koreaner freut es. Schiri Pitana pfeift ab.

Die Russen umarmen ihren Akinfejew. Er wird sich fangen, vielleicht auch den Ball, am Sonntag gegen Belgien.