Die Mainzer sind aufmerksame Leute, und sie haben Einfühlungsvermögen. Die Zuschauer im Mainzer Stadion merkten sofort, was los war, als Marco Reus nach einem Zweikampf im Mittelfeld liegen blieb. Reus kniff die Augen zusammen, mit der flachen Hand schlug er auf den Rasen. Plötzlich schwieg das ganze Stadion.

In dieser Szene schien mehr passiert zu sein, als dass ein Fußballer Schmerzen hatte. Hier schien eine große Hoffnung zu schwinden. Die WM in Brasilien sollte das Turnier von Marco Reus werden, der Gegenspieler im Höchsttempo wohl auch auf einem Hochseil ausspielen könnte.

Hansi Flick und der Doc Müller-Wohlfahrt sprangen sofort von der Bank auf. Thomas Müller lief aufgeregt zu Reus, winkte mit beiden Armen Hilfe herbei. Dann forderte der Stadionsprecher die Leute zum Applaus auf, während Reus, von Ärzten gestützt, vom Platz humpelte. "Damit der Marco in Brasilien wieder fit wird", sagte er und die Mainzer applaudierten.

Allein, es hilft nichts. "Teilriss des vorderen Syndesmosebandes oberhalb des linken Sprunggelenks" meldete der DFB nachts um zwei Uhr per SMS. Es war die Eilmeldung einer Schreckensnachricht. Beim 6:1 im Testspiel gegen Armenien hat er sich so schwer verletzt, dass er voraussichtlich erst in sechs bis sieben Wochen wieder mit dem Training beginnen kann, teilte der DFB am Vormittag mit. Der offensive Mittelfeldspieler muss zu Hause bleiben. Der Verteidiger Shkodran Mustafi rückt für ihn in den WM-Kader.

Das Bild, wie Reus’ Fuß sich durch das Gewicht des Gegenspielers biegt, kursierte schon während des Spiels auf Twitter.   

Dabei war das Spiel als Aufheller gedacht, als Abschiedsgruß zwischen Mannschaft und Fans. Die Stimmung in Mainz war ja auch gut, selbst nach Reus’ Verletzung, vielleicht ja auch ihretwegen. Und das, obwohl es lange aussah, als würden sich die Befürchtungen über die deutsche Stürmer- und Harmlosigkeit bestätigen.

In der ersten Halbzeit gelang der Elf trotz deutlicher technischer Überlegenheit kein Tor. Die Rotationen der drei Angreifer Müller, Schürrle und Reus konnten sich bisweilen sehen lassen, doch wenn es darauf ankam, trat Schürrle ein Luftloch, trat Müller Luftlöcher. Eine Flanke von Philipp Lahm setzte Schürrle, obwohl ungedeckt, mit dem Kopf neben das Tor. Die deutschen Angreifer wirkten nervös wie Kinder, die zum ersten Mal in der Kreisauswahl auflaufen. Auch Reus vergab zwei große Chancen.

Die gute Stimmung lag aber auch daran, dass die deutschen Spieler am Ende gar nicht mehr aufhören wollten mit dem, was ihnen anfangs so schwer gefallen war: mit dem Toreschießen. Dabei drängte sich Reus’ Ersatz in den Vordergrund, Lukas Podolski. Schon beim routinemäßigen Warmlaufen hinter dem Tor wurde er von den Fans mit Lu-Lu-Lu-Sprechchören gefeiert. Podolski klatschte dankend in die Hände.

Dann, auf dem Platz, ging Podolski nach vorne. Keinem anderen Spieler war die Lust auf eine WM so anzumerken wie ihm, keinen anderen zog es so stark zum Tor. Mit Podolski wurde die Mannschaft zielstrebig. Ein Tor schoss er selbst, drei bereitete er vor. Die Armenier fanden kein Mittel, ihn zu bremsen.

Mit dem Bankdrücker in Arsenal hatten noch vor wenigen Wochen die wenigsten gerechnet, manche hätten ihn am liebsten in den Sommerurlaub geschickt. Doch in Mainz wurde klar, dass Podolskis vorzügliche Pässe und Präzisionsschüsse in Brasilien eine wichtige Rolle spielen könnten.

Klose überholt Gerd Müller

Und da war noch ein alter Bekannter, der half, den Schock des Abends ein wenig zu übertünchen. Miroslav Klose spielte die letzten zwanzig Minuten und überholte mal eben Gerd Müller in der ewigen deutschen Schützenliste: Länderspieltor Nummer 69. Vielleicht kein Zufall, dass genau in den zwanzig Minuten fünf deutsche Tore fielen, in denen ein echter Stürmer mitmischte.

Die Tore von Klose und Podolski halfen Joachim Löw vor allem aus atmosphärischen Gründen und retteten die Stimmung im Team am Tag vor dem Abflug. Löw lobte "de Miro" und "de Lukasch" nach dem Spiel, der hohe Sieg gebe der Mannschaft einen Schub, sagte er. Eine Einsatzgarantie sprach er aber keinem der beiden aus. "In Brasilien sind die Bedingungen hart, da braucht man viel mehr als elf Spieler."

Dem Schein nach war Löw von Reus’ Verletzung nicht tief getroffen. Vielleicht hat er sich an schlechte Nachrichten gewöhnt. Reus war ja überhaupt einer der wenigen Offensiven, der in der Rückrunde fit und in Form war. Vielleicht wollte sich Löw auch einfach nichts anmerken lassen. Er weiß natürlich, dass in Brasilien stärkere Gegner warten als Armenien. Dort hätte man die Dribblings des Road Runners Marco Reus gut gebrauchen können. Doch darauf werden Löw und die Deutschen diesen Sommer verzichten müssen.