Die Hymnen sind noch nicht mal gespielt, und ich habe schon einen Wadenkrampf. Das liegt daran, dass ich zusammengefaltet auf dem Sessel hocke, viel zu nah vor dem Fernseher. Mein Kopfhörerkabel ist zu kurz, aber das habe ich zu spät bemerkt. Schuld ist meine Nachbarin. Dass wir unbedingt mal zusammen gucken müssen, jetzt, wo doch WM sei, sagt sie seit Tagen immer, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen. Aber dass sie ja einfach mal hochkommen könne nachher, das schlägt sie natürlich ausgerechnet heute vor. Und ich kann doch so schlecht Nein sagen. Und ich finde es doch so wichtig, eine nette Nachbarin zu sein. Und als ich dann begeistert genickt und sowas wie "Cool" und "Dann bis später" gesagt und die Wohnungstür geschlossen habe, ist mir schlecht geworden.

Was tun? Ich kann Fußball nicht mit den Nachbarn gucken. Schon gar nicht mit dieser Nachbarin, die, ich weiß es genau, in einer Tour dummes Zeug plappern wird. Sie ist wirklich nett. Aber ich sehe jemandem aus 100 Metern Entfernung an, dass er bei einem anständigen Tackling rufen wird: "Huch, das hat jetzt aber weh getan." Und bestimmt hätte sie wieder ihre berühmte Quiche mitgebracht. Das halte ich nicht aus, also: beides nicht. Und bevor ich meine Nachbarin nach zwanzig Minuten vollends entnervt aus der Wohnung schmeiße (und ich mir das in die Haare schmieren kann mit meiner Existenz als nette Nachbarin), habe ich mich fürs Totstellen entschieden. Lass sie klingeln. Ich schlafe tief und fest. Oder bin kurzfristig nach Übersee verreist. Leider ist meine Wohnung sehr hellhörig.

Ich bin gerade noch schwer damit beschäftigt, meine Sehschärfe auf die knapp 30 Zentimeter Abstand zum Bildschirm einzustellen, da fällt das 1:0 für Argentinien (Higuaín). Vertonghen wieder. Wenn er keinen Elfmeter verursacht, fälscht er den Ball unglücklich ab.

"Alles gut, alles gut, das läuft!" flüstere ich. Diese verdammten Berliner Altbauten. Und ich bin sicher: Es ist wirklich alles gut. Belgien macht alles richtig. Nicht wie die bisherigen Gegner von Argentinien, die bis kurz vor Schluss ein 0:0 gehalten haben, um sich dann Sekunden vor Abpfiff von Messi einen einschenken zu lassen.

Meine Jungs haben noch 82. Minuten, plus Nachspielzeit. Selbst wenn sie wieder 32 Versuche brauchen, bis ein Ball im Tor landet, sollte das reichen. Und bestimmt sind die Argentinier jetzt total verwirrt. Mit so einem frühen Tor und dann noch nicht mal eines, das Messi geschossen hat, können die doch gar nicht umgehen.

Wo ich mir allerdings nicht ganz sicher bin: liegt es an meiner suboptimalen Blickachse oder spielen die Belgier wirklich so langsam? So eingeschlafen, wie sich mein Hintern und Ellenbogen anfühlen? Vorsichtig versuche ich, mich auf die andere Hinternhälfte zu schieben. Das ist gar nicht so einfach, ohne dass die Dielen verdächtig knarren und meine Nachbarin gleich wieder auf der Matte steht.

"Marc", flüstere ich: "die Jacke! Zieh sie an." Ich weiß ja bei Fußballern immer nicht: Sagt man Du oder Sie? Beim Trainer vermutlich lieber Sie. Aber darüber kann ich jetzt nicht nachdenken. Wilmots soll einfach die verdammte Jacke anziehen. Das hat doch bei allen anderen Spielen Glück gebracht, wenn der vierte Offizielle ihn genötigt hat, das Jackett eines Kollegen überzuziehen, weil sein blütenweißes Hemd den Trikots der gegnerischen Mannschaft zu sehr ähnelte. Die Argentinier, diese Schlingel. Kommen die doch mit hellblauen Streifen und machen das ganze Konzept kaputt.

Als in der 60. Minute immer noch nichts passiert ist, werde ich langsam nervös. Spiele werden immer zwischen der 45. und 60. Minute gedreht, das zumindest sagt meine private Statistik. Aber nichts da! Ab der 65. beginnt das Power-Play der Belgier. Und wenn der Schiedsrichter nicht bei jedem Angriff Abseits oder Stürmerfoul pfeifen würde ...  – ich werde wahnsinnig.

Als Fellaini über die Latte köpft, halte ich mir nicht mehr rechtzeitig die Hand vor den Mund. "Du bist ja doch da! Alles in Ordnung bei Dir?" kommt prompt die SMS aus der Wohnung unter mir. Ich bin zu schwach, um mich jetzt noch zu ärgern. Ich setze die Kopfhörer ab.

Ach. Ihr lieben Roten Teufel. Was soll ich sagen? Es war schön mit Euch. Ihr wart ganz groß, auch heute. Kein Tor von Messi habt Ihr zugelassen. Zum Abschluss noch eine Glanzparade von Courtois. Macht weiter so. Das Tal der Tränen ist vorbei, Ihr seid wieder eine Turnier-Mannschaft. Die EM kann kommen. Und ich, versprochen, backe eine Quiche und lade meine Nachbarin ein. Aber erst nächste Woche, wenn die WM vorbei ist.