Ran an die Sau!

Das muss die Eröffnungsszene eines Spielfilms sein: Ein lauer Sommerabend am Ufer des Berliner Landwehrkanals, Kreuzberger Feierabendstimmung, großes Flanieren, Sonnen, kühles Bierchen, am Rande ein paar Betagte, auf sandigem Boden zusammenstehend, gemächlich Boule spielend. Was auch sonst? Boule impliziert Pensionäre, die jungenhaft einen Haufen Metallkugeln durch die Gegend murmeln. Und palavern.

Holger steht neben seinem Fahrrad und überblickt das Paul-Lincke-Ufer. Als Beleg seiner Zugehörigkeit zum Boule-Kollektiv trägt er staubige Klamotte. Hier, im Boulodrom, hat Holger die meisten Abende seit seiner Pensionierung vor sechs Jahren verbracht, wenn es Wetter und Bandscheibe zuließen. Die Boule-Vorurteile interessieren ihn wenig. Er und seine Leute, zu denen auch der ehemalige haitianische Nationalspieler Serge Racine zählt, spielen Pétanque. Wo der Unterschied zum Boule liegt? Die Frage hat er erwartet, sagt er. Es sei dem zwischen Federball und Badminton ähnlich, sagt er. Das eine spielen Opa und Enkel auf der Wiese, das andere ist eine anspruchsvolle Sportart mit Regelwerk.

Das Regelwerk von Pétanque sieht zwei Mannschaften vor, zu je einem (das nennt man Tête-à-Tête), zwei (Doublette) oder drei Spielern (Triplette). Sie werfen Kugeln. Erst eine kleine, farbige aus Holz, die Männer vom Ufer nennen sie Cochonnet oder auch Schweinchen oder Wutz oder Speck oder Schatz oder Sau. Dann sechs große, metallene hinterher, die sie möglichst nah am Cochonnet platzieren. Es ist immer die Mannschaft am Zug, deren Kugeln weiter vom Cochonnet entfernt liegen. Sind alle Kugeln abgeworfen, wird ausgezählt. Für jede Kugel, die näher am Cochonnet liegt als die beste des Gegners, gibt es einen Punkt. Wer derer 13 zählt, gewinnt.

Reiht man sich ein in die vermeintliche Feierabendparade an Holgers Ufer, wird klar: Dieses Pétanque sieht so lässig aus, weil es keine Sache der Körper, sondern eine der Köpfe ist. Wenn die Frauen und Männer die ihrigen über Kugelformationen zusammenstecken, einen ganzen Abend mit Wettbewerbsernst spielen, ist Präzision gefragt und viel Konzentration.

Das sieht man, wenn sich Holger auf die Unterlippe beißt. "Jetzt kommt Königsholger", kündet ein Mitspieler von einem der akkuraten Holger-Würfe, die ihn über Kreuzberg hinaus bekannt gemacht haben.

Er schlendert elegant durch das vier Meter breite und viermal so lange Schotterrechteck. Nicht wie die Greenhorns eine Wurfweite entfernt, die ihre blitzeblanken Kugeln wie beim Kegeln auf der Betriebsfeier wegfeuern, die Wurfhand ungelenk zur Kuhle geformt. Die Professionellen haben Wurfrituale ausgebildet: Manche atmen nur tief ein, andere lassen den Wurfarm dreimal am Körper vorbeischlenkern, der nächste spuckt in die Wurfhand. Holger wirft die Kugel zweimal hoch. Er strafft sich, geht in die Knie. Dann schnellen seine Augenbrauen nach oben, der Wurfarm nach vorn und mit einem Rückhand-Schwung zwirbelt seine Rechte die Kugel. "Jaaa! Ran an die Sau", ruft er.

Mit ein paar Schlucken wird die Hand ruhiger

Das ist seine Aufgabe: Ran an die Sau. Königsholger ist Pointeur, er soll seine Kugeln nah an das Cochonnet legen. Das unterscheidet ihn deutlich von den Tireuren, die gegnerische Kugeln gewaltig wegschießen sollen. Schießer, also die Tireure, seien die Dominanten, erzählt man sich, Leger wiederum die Devoten. "Alles Unsinn", sagt Holger. Ein guter Spieler beherrsche beides. Holger kann ausdauernd referieren von den Nuancen des Legens und des Schießens, von der Euphorie eines carreau sur place, das hellmetallisch klackert, wenn eine Kugel die gegnerische aus dem Geschehen treibt. "Hör auf zu labern, spiel' lieber", rufen die anderen.

Neben Konzentration und Technik sind nämlich auch die verbalen Qualitäten gefragt im Boulodrom. Hebt einer zum Wurf an, raunen andere: "Denk an den Fauxpas letzte Woche" oder "Jawoll, riech' an meiner Sau". Sie wollen ihren Gegner irritieren. Gelingt dem die nächste Kugel trotzdem, applaudiert aber auch die Pétanque-Gemeinde, nur eben mit Kugeln statt der Handflächen.

Das Spiel in seiner heutigen Form verdanken sie einem Rheumatiker, Jules Le Noir. Der Kaufmann und exzellente Jouer de Boule aus der provenzalischen Hafenstadt La Ciotat wurde 1910 von so starken Rheuma-Schmerzen geplagt, dass er weder den damals üblichen Ausfallschritt der Pointeure, noch die drei einbeinigen Anlaufschritte der Tireure jener Zeit ausführen konnte. Ein Freund Le Noirs erdachte daraufhin das Spiel auf kürzere Entfernung ohne Anlauf. Es war die Geburt des Pétanque, per tanco bedeutet: mit geschlossenen Füßen.

Heute wird die Zahl der hierzulande Aktiven auf eine Million geschätzt, sie unterstehen der Organisation des Deutschen Pétanque Verbandes. Dann und wann kommt es bei den Turnieren zu Schlägereien, auch zu Schiedsrichterbeleidigungen. Sein größtes Problem, das mit dem Doping, hat der Sport vor fünf Jahren aber überwunden. Da wurde Alkohol von der Liste der unerlaubten Mittel gestrichen. Romolo Rizzoli, der Präsident des Boule-Weltverbands, argumentierte schlagend: "Seien wir vernünftig: Man darf nach zwei Gläsern Wein Auto fahren, aber nicht Boule spielen?"

Mit ein paar Schlucken wird die Hand ruhiger, bestätigt Holger. Statt des typisch französischen Schnaps Pastis gehören immer ein paar Flaschen Bier zu seinem Equipment. Seinen Fetzen Südfrankreich in Berlin liebt er auch deswegen.