An einem dieser grauen, regnerischen Tage, von denen es im Juli in Rio de Janeiro mehr gibt, als man denkt, dauert es bei Batman mal wieder etwas länger. Ein paar Minuten müsse man noch warten, sagt er und platziert den Besuch in seinem Wohnzimmer. Er wird gerade noch gefilmt, ein paar Italiener sind da, es soll ein Dokudrama werden. Batman ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Seit Beginn der WM gibt er täglich Interviews. Nur der Sonntag bleibt frei, das will seine Frau so.

Tagsüber kämpft Batman gegen Unterdrückung, gegen die Diktatur, die Brasilien seiner Meinung nach ist, gegen das Böse in Rio de Janeiro, das ihn an Gotham City erinnert. Nachts stellt Batman Zahnprothesen her, das hat er gelernt.

Der brasilianische Batman heißt Eron Morais Melo. Seit gut einem Jahr fährt der 33-Jährige zu fast allen Anti-WM-Demonstrationen in Rio de Janeiro. Er zieht sein selbst geschneidertes Kostüm und die Latexmaske von eBay über, setzt sich in den Bus und fährt aus der armen Nordzone der Stadt ins Zentrum. Manchmal dauert das zwei Stunden. Auf den Demos läuft er stets in der ersten Reihe mit und hält meist eines seiner selbst bemalten Schilder in der Hand, auf die er die Probleme des Landes und der WM gequetscht hat: die Geldverschwendung, die Bereicherung der Eliten, das staatliche Töten in den Favelas, das schlimme Gesundheits- und Bildungssystem.

Manchmal stellt er sich kerzengerade hin, kneift die Augen zusammen und starrt in die Ferne, die Batman-Pose. Oder er klettert auf Busse oder Brücken und breitet seinen Samtmantel aus. Die Fotografen lieben ihn. Batman ist die Ikone der Protestbewegung. 

Andere WM-Kritiker gingen, Batman blieb

Das liegt auch daran, dass er nicht von der WM verschluckt wurde wie so viele andere Demonstranten. Vor einem Jahr waren es eine Million, in den WM-Wochen kamen höchsten mal tausend zusammen. Viele haben Angst vor der brutalen Polizei, sie fühlen sich von den einheimischen Medien kriminalisiert. Andere schauen einfach lieber die Spiele. Eron nicht. Obwohl, doch, ein Spiel hat er gesehen, Brasilien gegen Deutschland. "Nach dem fünften Tor bin ich ausgeflippt vor Freude", sagt er.

Eron gehört zu den wenigen Brasilianern, die glücklich sind, dass Brasilien verloren hat. Nicht, weil sie Fußball nicht mögen, Eron mag Fußball. Sondern weil diese WM die Brasilianer betäubt. Weil der Hype um das Nationalteam, das Gelbfieber, wie sie es nennen, vorbei ist. Mit dem Turnier hält die Regierung die Leute ruhig, Brot und Spiele, Opium fürs Volk, so sieht er das. Das ist alles nicht neu, so etwas wird auch ab und an für Deutschland diagnostiziert. In einem Land wie Brasilien aber, an dessen Demokratie und Gesellschaft es noch so viel zu arbeiten gibt, sehen Eron und seine Freunde die WM als gefährliches Ablenkungsmanöver.

"Deutschland hat uns gerettet", sagt Eron. Die Niederlage war wichtig, um den falschen und fragilen Traum vom sechsten WM-Titel zu beenden, der so viel Geld gekostet hat. Nach dem Spiel schrieb Eron einen kleinen Text auf Facebook: "Von wegen Schande für Brasilien! Die wahre Schande ist nicht das 1:7, sondern dass Deutschland die besseren Krankenhäuser und Schulen hat! Und dass es nach Nobelpreisen 0:102 steht!" Das brasilianische Volk wurde auch nicht von den Deutschen gedemütigt, sondern höchstens die Spieler, der Fußballverband, die Regierung. Und dann die Tränen, da kann sich Eron aufregen. "Weinen sollten die Leute, wenn sie sehen, dass ihre Kinder nicht im Krankenhaus behandelt werden können, weil zu wenig Ärzte da sind", sagt er.