Der Kerl war kräftig wie ein Baum, doch er wankte. Dieses Spiel hatte ihn aus der Fassung gebracht, vielleicht auch ein wenig der Alkohol. Auf jeden Fall schlurfte er etwa zwei Stunden nach Spielschluss vor dem Stadion Mineirão in Belo Horizonte umher, seine Arme um die Schulter zweier Freunde geschlungen. "Sieben zu eins!", murmelte er vor sich hin, immer wieder, "sieben zu eins!" "Die schlimmste Niederlage jemals", sagte er noch zu seinen Freunden. Die stützten und nickten.

Es waren herzergreifende Szenen nach dem Spiel rund um das Stadion. Überall standen diese gelben Grüppchen zusammen, mit hängenden Köpfen und diesem ungläubigen Gesichtsausdruck, als ob gleich jemand vorbeikommt, der sagt, dass alles nur Spaß war und das richtige Spiel morgen stattfindet. Einer bot lauthals seine Finalkarten zum Weiterverkauf an. Und überall diese Neymar-Masken, die eine Zeitung an diesem Tag beigelegt hatte. Sie waren ein Tribut an den verhinderten Superstar, jetzt lagen sie auf dem Boden, achtlos weggeworfen, ist doch alles egal.

Eine Nation steht unter Schock. Das wird viel zu oft einfach so dahingesagt. Viel zu selten trifft es zu. Dass es dazu ein Fußballspiel braucht, sagt viel über die Zeit und Gesellschaft aus, in der wir leben. Aber vor allem viel über das Land, Brasilien, o país do futebol, das Land des Fußballs.

1:7 hieß es am Ende gegen Deutschland, schon für das Auge eine ungewöhnliche Zahlenkombination. Und ja, diese Partie wird als eines der verrücktesten Spiele aller Zeiten in die WM-Geschichte eingehen. Nicht nur die Statistiker wundern sich. Auch alle anderen. Weil es der deutlichste Halbfinalsieg einer WM war. Und weil die so stolzen Brasilianer gedemütigt wurden wie noch nie. Es gab mal ein 6:0 gegen Uruguay 1920, aber 1920 ist sehr lange her. Seit 1975 hat Brasilien zu Hause kein wichtiges Spiel mehr verloren. Die Niederlage übertraf sogar den Maracanaço, jenes verhängnisvoll verlorene WM-Finale gegen Uruguay im Maracanã von Rio de Janeiro 1950, von dem die Großväter noch immer ihren Enkeln erzählen.

Was bleiben wird? Die fassungslosen Gesichter der Brasilianer

Nun hat die neue Generation ihr eigenes Trauma, den Mineirazo. Gut möglich, dass in 50 Jahren in den Eckkneipen und Strandkiosken noch immer über die deutschen Torschützen geraunt wird, von Müller, Kroos, Khedira, Klose und Schürrle.

Die fassungslosen Gesichter der brasilianischen Spieler, das sind jedenfalls die Bilder die bleiben werden von dieser WM. Nicht die Proteste, wie vorher befürchtet, oder ein beißender Uru oder eine Heuschrecke, die Elfmeter verwandelt. Nein, weinende Brasilianer.

Es war vor allem die pure Chancenlosigkeit, die an diesem Abend schockierte. Spätestens im Laufe des Turniers haben alle erkannt, dass Brasilien nicht die begabteste Fußballmannschaft aller Zeiten auf dem Platz versammelt hatte, aber eine die dafür mit so viel Emotionen spielt, dass alles möglich schien. Auch der Abend in Belo Horizonte begann so. Schon als Brasiliens neuer Abwehrstar David Luiz zum Warmlaufen das Feld betrat wie ein junges Rennpferd, die Zeigefinger gen Himmel richtete, tobte das Stadion. Während der brasilianischen Hymne, stets ein Höhepunkt der WM, hielten David Luiz und der Torwart Julio Cesar ein Trikot von Neymar in die Kamera. Das macht man sonst nur für Verstorbene. Aber Hauptsache Emotionen.

Da wussten sie noch nicht, wie emotional es wirklich werden sollte.

Zweistellig war nicht so unmöglich

Vor allem wird Brasilien wohl nie diese sieben Minuten zwischen 17.22 Uhr und 17.29 Uhr Ortszeit vergessen, als die Deutschen vier Tore machten. Vier Tore in sieben Minuten, das gibt es ab und an mal auf dem Bolzplatz, aber nicht bei einer WM, schon gar nicht in einem Halbfinale. Es waren die vielleicht unglaublichsten sieben Minuten der WM-Geschichte, ganz sicher die düstersten des brasilianischen Fußballs.