Sie sind ein WM-Gast in Brasilien und warten absurd lange auf Ihr Frühstücksei? Ihre neue brasilianische Bekanntschaft ist eine halbe Stunde zu spät zur Verabredung erschienen? Die Stadien wirken, obwohl schon zwei Wochen lang darin gespielt wird, immer noch nicht ganz fertig?

Willkommen in Brasilien. Wir Brasilianer sind unpünktlich, das gehört bei uns zum guten Ton. Wer seine Arbeit rechtzeitig fertig stellt, oder wer auf die Minute genau zu einem vereinbarten Treffen erscheint, mit dem ist etwas nicht in Ordnung.

Das gilt allerdings nur für die Art von Pünktlichkeit, die in Stunden, Minuten und Sekunden gemessen wird; für den Zeitbegriff, über den eine Uhr entscheidet. Uhren sind eine ziemlich neue Erfindung, die irgendwann die Orientierung an der Sonne, dem Wetter und den allgemeinen Umständen abgelöst hat. Wir Brasilianer bewahren uns etwas aus diesem älteren Verständnis von Zeit. Das mag mit dem Erbe unserer indigenen Völker zu tun haben und vielleicht auch mit der Kolonisierung durch die Portugiesen, die immer schon überall zu spät waren. Der Besucher sollte nur wissen: Auch in dieser unschärferen, geheimnisvolleren Welt, in der die Uhren versagen und die Zeitangaben relativ sind, gibt es ein "zu spät".

Ich kann Ihnen ein paar Faustregeln verraten. Bei einer Verabredung zum Abendessen erwartet man von Ihnen 15 bis 30 Minuten Verspätung. Wer zuerst ankommt, begreift das Warten als eine Zeit der Vorfreude, als einen Teil des Treffens schon, der vielleicht besser ist als das Ereignis selbst. Bei der Verabredung mit einer Gruppe, etwa zu einem Straßenfest, sollten Sie ruhig ein oder zwei Stunden zu spät kommen. Letztlich geht es nicht um die absolute Zeit, die Sie jemanden warten lassen, sondern darum, ob derjenige sich ärgert. Dann verstreicht für uns Brasilianer der rechte Moment, der ponto, dann wird es unhöflich. Als Madonna vor zwei Jahren ein Konzert drei Stunden zu spät begann, wurde sie vom Publikum ausgebuht. Sie dachte wohl, sie sei besonders brasilianisch.

Zuspätkommen ist auch Scheidungsgrund

Genau genommen ist es noch komplizierter. Wie überall auf der Welt verbergen sich auch in Brasilien hinter dem Zuspätkommen feine Spiele der Dominanz. Ein berühmter Arzt wird seine Kunden stundenlang warten lassen, weil es seine Wichtigkeit unterstreicht. Nicht anders ist es beim Friseur und in der Liebe. Eine begehrte Frau wird den Mann, der ihr den Hof macht, gerne 40 Minuten lang im Restaurant seine Fingernägel kauen lassen. Lässt eine Ehefrau ihren Mann ein paar Minuten warten, kann es ein Donnerwetter geben – tatsächlich lassen Brasilianer sich häufig scheiden, weil der Partner oder die Partnerin sich laufend verspäten.

Insgesamt aber ist das brasilianische Gesellschaftsgefüge darauf eingerichtet, dass alle immer zu spät sind und alles stets auf die letzte Minute erledigen. Pünktlichkeit und Überpünktlichkeit werden sanktioniert, ja sabotiert. Falls Sie in Brasilien einmal auf ein Amt müssen, um wichtige Dokumente einzureichen, dann tun Sie das bitte bloß nicht vor der Deadline: Man wird Sie misstrauisch behandeln und Ihre Papiere höchstwahrscheinlich verlieren.

In diesem Sinne sollten WM-Besucher auch dankbar sein, dass unsere Baufirmen die Stadien und Flughäfen auf den letzten Drücker fertig gestellt haben. Wenn sie es früher getan hätten, wäre bestimmt irgendetwas ganz Schreckliches passiert.

Aus dem Portugiesischen von Thomas Fischermann