Was wird passieren?

Das hängt von Joachim Löw ab. Entweder stellt er wieder um und Philipp Lahm ins Mittelfeld. Das wäre die Variante "Rehabilitation für Italien 2012". Damit würde er beweisen wollen, dass er für ein Halbfinale den richtigen Spezialplan haben und wie ein Schachspieler seine Figuren hin- und herziehen kann. Oder wir erleben mit Lahm in der Abwehr eine Kopie des Viertelfinals. Heißt: Verzicht auf Mittelfeld. Verzicht auf Pass- und Positionsspiel. Wer braucht schon Torchancen? Löw würde damit das deutsche Spiel von allem Zierrat befreien und den teutonischen Kern freilegen: zu Freistößen und Ecken die großen Kerls nach vorne schicken.

Auch gegen Brasilien wird dann im Strafraum des Gegners eine halbe Kompanie von Verteidigern einmarschieren. Höwedes, Hummels, Boateng, vielleicht Mertesacker, dazu Khedira oder Klose. Die Söhne Hrubeschs sind im Schnitt 1,90 Meter lang und haben obenrum gut Muckis. Steigen sie in die Lüfte, klingelt’s im Tor. Dann wird verteidigt und Müller rennt vorne ein paar Konter herbei.

Wir haben Löw die ganze Zeit missverstanden. Er will nicht Spanien imitieren. Er will Otto Rehhagel und dessen Titelgewinn mit Griechenland nachmachen.

Was ist von Brasilien zu erwarten?

Brasilianer lieben ihre Musik, vor allem wenn sie voller Harmonie ist, Melodie und Poesie. Die Música Popular Brasileira kennt meisterhafte, stilreiche Mischungen aus Samba und Funk, Bossa Nova und Rock. Sie ist erfüllt von federleichter Zartheit, virtuoser Improvisationskunst. Sie entspricht dem Spielwitz des brasilianischen Fußballs. So will es das Klischee.

Alles Humbug. Die Seleçao steht bei dieser WM für einen anderen Musikstil Brasiliens, die Axé-Musik aus Salvador. Auf den Straßen der afrikanischsten Stadt außerhalb Afrikas begegnet man Bands, die aus Trommlern bestehen, teilweise über zehn. Dicke Pauken hängen an ihren Hüften. Darauf hämmern sie oft stundenlang einen kraftvollen Rhythmus. Manchmal hebt einer der Trommler seine Pauke mit einem Arm in die Luft, mit dem anderen schlägt er Takt. Ein wildes, dunkles, faszinierendes, einschüchterndes Spektakel. Musik wird zur körperlichen Arbeit. Der Schweiß rinnt in Strömen.

Wer spielt für Klose?

Im Viertelfinale schenkte Löw Miroslav Klose ein Spiel, zum Dank für treue Dienste. Klose sollte sein WM-Rekordtor machen, Ronaldo in dieser Rangliste hinter sich lassen und die Moral der Brasilianer brechen. Nun ja, klappte nicht ganz. Ihm fehle die Spielpraxis, sagte Klose nach dem Sieg.

Vielleicht bekommt nun ein anderer Stürmer gegen Brasilien eine Chance, an bessere Zeiten, an die guten alten Tage anzuknüpfen: Mario Götze. Oder Andre Schürrle darf ran. Der ist schnell, läuft gute Wege, taucht frei im und am Strafraum auf. Bloß vergibt er zu viele Chancen, doch immerhin hat er welche. Schürrle wird zudem von seinem Trainer José Mourinho mit strengen und motivierenden Nachrichten gesteuert. ZEIT ONLINE liegen exklusivexklusiv drei SMS des Special One vor:

"Andre, don’t be fool! Shoot goal!"
"Andre, another missed chance and I will replace You!"
"Why does that man with the blue shirt at the German bench (how do You call him?) always pick that kid Goetze instead of You?"

Und Klose? Der kann sein Rekordtor noch im Spiel um Platz 3 erzielen. Oder natürlich im Finale von Rio. Zur Not halt bei der WM in Russland.

Wer wird überraschen?

Der Schiedsrichter. Marco Rodríguez aus Mexiko. Bisher waren die Schiris in diesem Turnier, sagen wir, großzügig. "Der Ball ist oft gar nicht mehr das Ziel, wenn Spieler in Zweikämpfe gehen", kritisiert der Ex-Schiedsrichter Urs Meier. Die lange Leine der Referees scheint eine Vorgabe der Fifa zu sein, wird gemunkelt. Die Folge: Bei der WM 2014 sieht man eine Schlacht nach der anderen. Getroffen hat es nun ausgerechnet Neymar, den großen Star. Er wurde vom Kolumbianer Juan Zúñiga angesprungen, nachdem zuvor die Brasilianer ungesühnte Attacken gefahren hatten.

Neymars Verletzung könnte Brasilien doppelt wehtun. Er fehlt auf dem Platz, das ist garantiert. Und vielleicht hat die Fifa nun doch erkannt, dass es nicht im Sinne des Erfinders sein kann, wenn ständig Körper ineinander rauschen, und die Schiedsrichter zu mehr Strenge auffordern. Das könnte verhindern, dass Brasilien wie gegen Chile im Vollkontakt-Capoeira-Stil auftritt. Oder, wie gegen Kolumbien, dem niedlichen James mal zeigt, was Männersport ist.

Und die braven Deutschen, die bislang allenfalls mal am Trikot des Gegners zogen, würden durch die Lex Zúñiga belohnt.

Wie lautet die Bild-Schlagzeile am nächsten Tag?

"Jogi Rehhagel, Otto II. rettet die Nation"