Was ist zu erwarten vom deutschen Team?

Wer weiß. Nur in einem Punkt darf man sicher sein, Joachim Löw sprach es an: "Algerien hat gut gekämpft, aber wir haben noch mehr gekämpft." Für den Trainer des Favoriten eine erstaunliche Aussage. Früher weigerte sich manch deutscher Fußballer, für die Nationalelf zu spielen. Andere soffen im Trainingslager vor der WM und am Ende des Turniers fehlten die Kräfte. Der Jahrgang 2014 ist anders, er will den Titel.

Gegen Algerien spielte das Team eine halbe Halbzeit richtig schlecht. Aber wie schon gegen Ghana hingen sie sich rein. Thomas Müller rannte auf die ballführenden Gegner zu, als wären sie und nicht er WM-Torschützenkönig. André Schürrle lief jedem Ball hinterher. Sami Khedira schnaubte durch die weiten Ebenen des Mittelfelds. Philipp Lahm nahm die Versetzung an die Peripherie des Spielfelds klaglos hin. Per Mertesacker duellierte sich mit einem Journalisten. Mesut Özil schoss ein Tor in der 120. Minute, das trauten ihm selbst seine größten Befürworter nicht zu. Selbst Mario Götze kämpfte, wenn auch offenbar mit anderen Dingen. Und der waidwunde Bastian Schweinsteiger quälte sich bis in die zweite Hälfte der Verlängerung über die Schmerzgrenze. Manche aus dem DFB-Team mögen wie kleine Jungs wirken, aber sie haben große Herzen.

Bei dieser WM, die von Härte, Physis und Willen geprägt ist, sind das nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Gerade am Tag, an dem sich das Wunder von Bern zum 60. Mal jährt. Frankreich darf vielleicht auf einen Gegner hoffen, dem ein paar Fehlpässe unterlaufen und der einige Torchancen vergibt. Auf Kapitulation nicht.

Die Franzosen?

Von ihnen ist viel zu erwarten, trotz des Ausfalls Franck Ribérys. Oder gerade deswegen, wie manche Franzosen vermuten. In der jüngeren Vergangenheit stand die Equipe Tricolore für Eitelkeiten. Während der vorigen WM bestreikten die Spieler das Training, darunter Ribéry. Heute hat sich das geändert. Löw rechnet mit einem Gegner "auf Augenhöhe".

Die Franzosen sind eine junge Mannschaft. Große Namen sind, von Karim Benzema und Patrice Evra vielleicht abgesehen, nicht dabei. Ihre Stärke ist der Konter, die die Elf im TGV-Tempo vorträgt. Die Schweiz zerfledderte das Team 5:2 und ließ sogar einen Elfmeter aus. Und beim vermeintlichen Tor zum 6:2 pfiff der Schiri kurz vor dem Schuss das Spiel zu Ende. Zu beachten sind die Flügelspieler Mathieu Valbuena und Antoine Griezmann, der Mittelfeldspieler Paul Pogba sowie der elegante Verteidiger Raphaël Varane vom Champions-League-Sieger Real Madrid.

Nach Gijón und Algerien wird die deutsche Nationalelf zum dritten Mal in diesem Turnier mit der schandhaften WM 82 konfrontiert. Im Halbfinale in Sevilla sprang Toni Schumacher Patrick Battiston so hart mit der Hüfte ins Gesicht, dass der Zähne und vorübergehend das Bewusstsein verlor. Brutaler hat ein deutscher Fußballer bei einer Weltmeisterschaft wohl nie gefoult.

Während der Franzose auf dem Platz behandelt wurde, spielte Schumacher mit dem Ball vor seinem Tor. Nach dem Spiel sagte er, er zahle ihm die Jacketkronen. Man kann den damaligen Image-Schaden für Deutschland gar nicht überschätzen. Viele Franzosen, die das Spiel damals im Fernsehen sahen, assoziierten mit der Szene sofort: Nazis.
Schumacher entschuldigte sich später, doch ganz ausräumen ließ sich seine Attacke nie. Bis heute. Manuel Neuer beteuerte mit Blick auf Battiston in diesen Tagen, er versuche bei seinen Ausflügen stets, den Ball zu spielen.

Es war damals übrigens eines der dramatischsten Spiele aller Zeiten. Die Deutschen siegten im ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte, dank Schumacher.

Wo spielen sie?

Der Ort für dieses Treffen könnte würdiger nicht sein. Obwohl für die WM nach sterilen Fifa-Standards umgebaut, ist es nach wie vor nicht irgendein Fußballstadion, sondern das Fußballstadion. Maracanã. Mehr Mythos geht nicht. Es war der Ort des Volkes. Bei der WM 1950 sahen 200.000 Zuschauer die 1:2-Niederlage Brasiliens gegen Uruguay. Und am Sonntag in einer Woche findet am gleichen Ort das Finale statt.

Was wird überraschen?

Die deutschen Außenverteidiger. Für viele ist der Begriff zum Reizwort geworden, wir wollen die Debatte nicht wiederholen. Jetzt wünscht sich sogar der Innenminister Thomas de Maizière, dass dort umbesetzt wird. Vermutlich wird Löw die Forderungen verhallen lassen und an seinem Vier-Innenverteidiger-Prinzip festhalten. Wir wollen es nicht heraufbeschwören, aber wenn die Deutschen in Rückstand geraten sollten, sieht die Sache bestimmt anders aus. Dann sind die Außenverteidiger die Stellschrauben für mehr Offensive, dann dürfte dort gewechselt werden. Vielleicht kommt dann die Zeit von Kevin Großkreutz. Und, wer weiß, vielleicht sieht man Lukas Podolski in einer neuen Rolle.

Fußball-WM - Wohin nur mit Lahm?

Wie lautet die Bild-Schlagzeile am Morgen danach?

Rio, wir sind nur mal kurz weg

Und was haben wir vergessen?

Bei all dem Geschreibe übers Kämpfen: Kommt es in Rio wieder zum Shoot-out, sollten die Deutschen auf Cool-Sein umschalten. Am besten so cool wie Frankie Sinatra Rios bekanntestes Lied singt: