Es lief die 113. Minute des WM-Endspiels, als André Schürrle sich auf dem Flügel gegen zwei Gegenspieler durchsetzte und zur Flanke kam. Mario Götze nahm sie im Lauf mit dem Oberkörper an, wie es nur moderne Stürmer können. Dann setzte er feengleich zum Flug an und lenkte den Ball mit links auf das Tor von Argentiniens Torwart Sergio Romero.

Für einen Augenblick schien für die Zuschauer im Maracanã, für die Fans an den TV-Geräten die Erde stehen zu bleiben. Dann schwebte der Ball ins Netz, wo er kurz wie schwerelos verharrte. Götze rannte vor Freunde wie ein Kind auf dem Schulhof, das von den Mitschülern nicht gefangen werden will. Natürlich erwischten ihn die Mitspieler doch noch, sie herzten ihn und klatschten ihn ab.

Mario Götzes Tor in der Verlängerung besiegelte den vierten Weltmeistertitel für die deutsche Nationalmannschaft nach 1954, 1974 und 1990. Aus dem Jubel über diesen Erfolg ragt der Treffer heraus, denn es war ein Moment der kindlichen Spielfreude, der dieses Spiel entschied.

Leidenschaft durch Härte

Auf dieses Ende deutete lange Zeit nichts hin. Tatsächlich schienen die kreativen Fußballer vom Schlage eines Mario Götzes in diesem Endspiel nahezu überflüssig. Das Turnier, von Körperlichkeit geprägt, erlebte einen passenden Abschluss. Das Endspiel glich einem Kampf unter Schwergewichten, es kam auf Nehmerqualitäten an. Die Härte dieses Spiels stand für die Leidenschaft, mit denen beide Gegner um den Titel rangen.

Die Argentinier gaben ein paar Lehrbeispiele aus der südamerikanischen Abwehrschule. Da war der Knockout Ezequiel Garays gegen Christoph Kramer in der ersten Halbzeit. Kramer schaute, als wäre er Muhammad Ali in die Faust gelaufen. Er, der für den verletzten Sami Khedira eingesprungen war, musste bald darauf vom Platz begleitet werden, die aschfahle Stirn schweißbetaut.

Dann fiel Philipp Lahm wie ein von einer Kugel getroffener Westernheld nach einem Tritt. Thomas Müller prallte Kopf an Kopf mit seinem Gegenspieler. Benedikt Höwedes trat einmal über Kniehöhe zu. Später rammte Manuel Neuer Gonzalo Higuaín und riskierte dabei fast einen Strafstoß.

Und immer wieder Schweinsteiger. Es war das Sinnbild des Abends: der blutige Cut unter Bastian Schweinsteigers rechtem Auge, direkt neben dem goldenen Pokal. Den hielt sich der Weltmeister vor sein Gesicht, als wollte er seine Wunden kühlen. Schweinsteiger hat in diesem Finale eingesteckt wie ein Boxer, er wankte und fiel, er wurde angezählt und stand am Ende doch wieder auf.

Löw glaubt bis zum Schluss an das schöne Spiel

Ähnlich erging es den Zuschauern. Sie erlebten einen Fight mit vielen Wendungen. In der regulären Spielzeit wirkten die Argentinier durch ihre Konter gefährlicher. Die deutsche Abwehr geriet mehr als einmal Mal in Not, obwohl die argentinischen Stürmer stets vor Manuel Neuer im Tor einknickten.

Genau in diese Drangphase der Argentinier brachte Joachim Löw den Matchwinner. Als er in der 88. Minute Mario Götze für Miroslav Klose einwechselte, schlugen so manche Experten die Hände über dem Kopf zusammen: Denn so begnadet Götze am Ball ist, so unpassend schien er als Sparringpartner für die Argentinier.