Am Anfang war das Mädchen. Also nicht ganz am Anfang. Da waren Naturgewalten oder Gott, je nachdem, wie man es sieht. Aber als dieser himmlische Flecken Erde namens Ipanema geschaffen war, dauerte es noch eine Weile, ehe er so richtig famos wurde. Bis zu diesem Mädchen eben, das besungen wurde, ihre Anmut, ihr Gang. Die Garota de Ipanema, das Mädchen von Ipanema, gibt es wirklich, 71 Jahre alt ist sie in diesem Jahr geworden, sieht aber jünger aus. Doch jetzt, im WM-Sommer 2014, hat sie Konkurrenz bekommen: die Boys from Ipanema.

Sie tragen spießige, weiße Polohemden und sind blass wie junger Gouda. So sahen sie zumindest bei ihrem ersten Strandspaziergang inklusive anschließender Stretchingeinheit aus. Vier Wochen ist das jetzt her und alle wirkten so locker wie eine Ausflugsgruppe der Katholischen Landjugend. Mittlerweile ist alles anders. Der Strand von Ipanema hat das niederländische Fußballteam zu den coolsten Säuen dieser WM gemacht.

Während viele andere Teams sich abschotten und sich sogar ein eigenes Camp bauen wie die Deutschen, das jeder, der nicht vom DFB bezahlt wird, nur mit einer Fähre erreichen kann, leben die Niederländer mitten im Trubel von Rio de Janeiro. So viel Volksnähe, noch dazu an solch einem exponierten Ort, macht etwas mit dieser Mannschaft. Sie wurde hip und produzierte Kult-Aktionen am laufenden Band: angefangen bei Robin van Persies wildem Kopfball gegen Spanien über Arjen Robbens Flugeinlagen bis zum nur für das Elfmeterschießen eingewechselten Torwart Krul gegen Costa Rica.

Onno, 49 Jahre alt, kommt aus Hengelo, gleich hinter der deutschen Grenze. Sein oranges Shirt leuchtet wie ein Textmarker, die orangefarbene Mütze ist schon von der Sonne gebleicht. "Patrick Kluivert hat gerade rausgeguckt", sagt er. Das Caesar Park ist eines der besten Häuser am Platz, seine fünf Sterne ragen so weit in den Himmel, dass gegen Nachmittag, wenn die Sonne hinter dem Haus untergeht, ein nicht unbeträchtlicher Strandabschnitt Ipanemas im Schatten liegt.

Hier sind alle, arm, reich, schwarz, weiß, dünn, dick

Vor dem Hotel stehen sich schon seit Wochen stets ein paar Dutzend Fans die Beine in den Bauch. Sie blättern in ihren Autogrammbüchern, einer hat ein Panini-Album dabei, um eventuell am Fenster auftauchende Spieler zu identifizieren. Onno will nur gucken. Er mag die Volksnähe seiner Landsleute. Der König und die Königin würden das auch so machen. "So bleiben die Spieler locker", sagt er.

Die Niederländer brauchen nur aus ihrem Hotel fallen und schon sind sie an einem beinahe sagenhaften Ort. Meistens kommt die mickrige Realität ja kaum ran an so einen riesigem Mythos. In Ipanema schon. Die Copacabana kann man vergessen, der Schwesterstrand zehrt noch immer vom Ruf der Fünfziger Jahre. Man trifft dort nur noch Touristen, Rentner und Prostituierte – etwas zugespitzt formuliert.

Nicht so in Ipanema. Hier sind alle, arm, reich, schwarz, weiß, dünn, dick. Hier verdichtet sich das Leben auf einem zwei Kilometer langen und etwa achtzig Meter breiten Sandstreifen. Der Strand ist das Leben. Und das Leben ist Sonne und Jugend, Wärme und eiskaltes Bier, Popos und Brustmuskeln. Und ganz nebenbei kann Arjen Robben im Sand auch wunderbar fliegen üben.

Unsere Kolumnistin Mirian Goldenberg hat einmal gesagt, sie kann am Gang erkennen, ob jemand Ausländer ist. Am Strand stimmt das. Europäer und Nordamerikaner, die typischen Gringos, fallen nicht nur durch ihre vornehme Blässe auf. Sondern auch durch ihre linkischen Bewegungen. Auf Usedom oder Gran Canaria merkt das keiner. Hier schon.