Am klarsten fasste es Christian Reif zusammen, der besiegte Konkurrent: "An der Weitsprunggrube konnte dich niemand schlagen und trotzdem wirst du nicht für die EM nominiert." Das war an Markus Rehm gerichtet, den besten deutschen Weitspringer. Am Wochenende landete der bei den Deutschen Meisterschaften bei 8,24 Metern, vier Zentimeter weiter als Reif. Doch Rehm darf nicht mit zur EM nach Zürich, entschied der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV). Weil Rehm mit einer Prothese springt. Und die ihn, so der Verdacht, weiter springen lässt als Reifs gesundes Bein.

Rehm hatte schon mit seinem Start Geschichte geschrieben. Er war der erste behinderte Leichtathlet, der bei den Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten antrat. Und dann gewann er auch noch. Das ist es, was viele den Funktionären jetzt vorwerfen: Die fänden gut, wenn Behinderte mitmachen, bloß gewinnen dürfen die nicht.

Rehms Ausschluss ist eine fragliche Entscheidung.

Es ist zum einen nicht bewiesen, dass Rehm mit seiner Prothese einen Vorteil hat. So stellten die Wissenschaftler zwar fest, dass Rehm langsamer anlief als sein Konkurrent und trotzdem schneller vom Brett absprang, was sie auf eine Art Katapult-Effekt schließen ließ. Doch es gab auch Stimmen, die sagten, die Messungen reichten unmöglich aus, um zu einem Urteil zu kommen. Für ein umfassendes Gutachten, wie es schon im Fall des südafrikanischen Paralympic-Stars Oscar Pistorious gemacht wurde, der einst auf diese Art seine Olympia-Teilnahme einklagte, fehlte die Zeit. Der DLV muss sich vorwerfen lassen, die Sache zu lange verschlafen zu haben und nun kurz vor der EM hastig einen folgenschweren Fehler zu begehen. 

Viel schlimmer aber: Der Verband macht im Fall Rehm den Eindruck, als wolle er sich intellektuell nicht mit dem Problem beschäftigen, sondern es an die Wissenschaft auslagern. Die aber wird vielleicht nie eine korrekte Antwort liefern können. Und so geht der DLV auf recht fragwürdige Weise mit einem wichtigen Gebot unserer modernen Gesellschaft um: der Inklusion.

Die Bundesregierung erklärt in ihrem Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, von Menschen mit Behinderungen würden "die gleiche Qualität und der gleiche Standard in den jeweiligen Lebensbereichen erwartet, der auch für Menschen ohne Behinderungen gilt". Sie wollen kein Mitleid und keine politische Korrektheit, sie wollen einfach mitmachen. Im Breitensport wird derzeit viel für Inklusion getan. Und nun wird der prominenteste Spitzensportler ausgebremst. Doch Exklusion ist keine Lösung.