Wie lief das Spiel?

In den ersten halben Stunden gegen Chile und Kolumbien zog Brasilien brutal das Tempo an, Scolari ließ sein Team starten als würde so ein Fußballspiel nur 30 Minuten zählen. Das war in diesem Halbfinale erneut der Fall, nur anders irgendwie. Nach der obligatorischen halben Stunde blieb nur noch der Dank an die Brasilianer für ihre Gastfreundschaft. Da stand es 0:5 aus ihrer Sicht.

Nach zehn Minuten hatte wieder eine Standardsituation, diese Disziplin der Deutschen, das Toreschießen eröffnet: Eckball Kroos auf Müller, die Führung. Weitere zehn Minuten drauf brach etwas Ungeheuerliches los, angesichts dessen man in Betracht zog, ob nicht der beleidigte Mario Götze heimlich ins deutsche Mannschaftshotel gerannt war, um dieses Spiel dort auf der Konsole nachzuempfinden.

Binnen sechs Minuten führte die DFB-Elf durch fast deckungsgleiche Kombinationen mit fünf Toren. Zum zweiten Mal bei diesem Turnier sahen Interessierte aus den Niederlanden und Argentinien, was passiert, wenn sich eine andere Mannschaft auf DFB-Augenhöhe wähnt und gern mitspielen will. Das durften die Gastgeber dann noch, ein Blitz-K.-o. gibt es im Fußball ja nicht, während sich die Plätze im Stadion allmählich leerten, Trommeln verstummten, gelb-grüne Schminke verlief und Belo keinen Horizonte mehr sah.

Ist es ein gerechtes Ergebnis?

7:1 in einem WM-Halbfinale, das ist zu heftig. Allerdings standen die Brasilianer extrem weit von sich und den Zweikämpfen weg und wackelig am Ball. Vorne warteten ihrer Fünf oder Sechs, die Tore machen wollten, während die hinter ihnen fielen. Felipão, der "große" Trainer Felipe Scolari, wurde, das Gesicht vor Gram zerknautscht, zum "Felipini". Sein Schnurrbart zitterte wie ein ergrauter Mischwald im Wind. Mehr Mitleid verdiente sich höchstens noch Regina Brandão. Sie ist die brasilianische Teampsychologin, an ihr wird der Sommerurlaub vermutlich vorbeigehen.

Wer war der Spieler des Spiels?

Toni Kroos. Er legte seine Knochen den Brasilianern in den Weg, seinen Kopf aufrecht und für Müller auf. Das war das sechste deutsche Standardtor bei dieser WM, und zweifelsfrei hätten hier auch viele andere deutsche Spieler stehen können. Kroos aber beteiligte sich an fünf der sieben Tore, bleibt stärkster deutscher Mittelfeldspieler und kann in dieser Form ein WM-Finale entscheiden.

Was war die Szene des Spiels?

Wer den Kollegen Mats Hummels beim Stand von 5:0 wegen eines folgenlosen Stellungsfehlers ankeift, als stünde es kurz vor der Pause 1:1, ist wahnsinnig. Oder reif für den Titel des Fußball-Weltmeisters. Oder beides. Wie Manuel Neuer.

Was bedeutet der Sieg für die deutschen WM-Chancen?

Wer nach diesem 8. Juli, dem Jahrestag des Finales von Rom 1990 und damit letzten deutschen WM-Titels, pessimistisch an das Endspiel geht, muss an einem erheblichen Serotonin-Mangel leiden oder Matthias Sammer heißen. In ein paar Stunden wird diese DFB-Elf bereits Weltmeister sein, hochgejazzt von Medien und Fans. Dabei wäre es fahrlässig, aus diesem Halbfinale gegen konsternierte Brasilianer Rückschlüsse für das Finale zu ziehen.

Was war sonst noch wichtig?

Joachim Löw kopierte seine Viertelfinalaufstellung mit Philipp Lahm auf der rechten Abwehrseite. Deutschlands Zentrum stellte trotzdem eine Pass-, Positionsmaschinerie, die lief. Bastian Schweinsteiger ackerte, Sami Khedira spielte wie früher: als Stealer, Ballhascher und Quälgeist. Lahm tackelte wie der Klassenbeste, Miroslav Klose kürte sich zum WM-Rekordtorschützen. André Schürrle, den Löw wieder als "Spezialkraft" brachte und sah, dass es gut war, machte zwei Jokertore. Und alle atmeten auf: Kevin Großkreutz wurde von seiner Anklage wegen Dönerwurfs freigesprochen.

Und die Statistik?

Deutschland: Neuer – Lahm, Hummels (46. Mertesacker), Boateng, Höwedes – Schweinsteiger, Khedira (76. Draxler) – Müller, Kroos, Özil – Klose (58. Schürrle)

Brasilien: Julio Cesar – Maicon, Luiz, Dante, Marcelo – Luiz Gustavo, Fernandinho (46. Paulinho) – Hulk (46. Ramires), Oscar, Bernard – Fred (70. Willian)

Tore: 0:1 Müller (11.), 0:2 Klose (23.), 0:3 Kroos (24.), 0:4 Kroos (26.), 0:5 Khedira (30.), 0:6 Schürrle (69.), 0:7 Schürrle (79.), 1:7 Oscar (90+1)

Zuschauer: 58.000