Jetzt auch noch die Argentinier. Der Nachbar macht sich breit an der Copacabana, ach was, in ganz Rio de Janeiro, und als wäre das nicht schlimm genug, zählt er demonstrativ laut bis sieben und grölt dieses schaurig-schöne Lied, das Brasilien verhohnepiepelt und mit der Feststellung endet, Maradona sei größer als Pelé:

Die Argentinier dürfen nun am Sonntag im immer noch irgendwie heiligen Maracanã spielen. In jenem Finalstadion, das eigentlich für die Brasilianer reserviert war. Kaum auszudenken, sollte Deutschland gegen Argentinien verlieren. Während die Gastgeber auch noch das Spiel um Platz drei abgeben mussten – 0:3 gegen Holland, 1:10 Tore in den vergangenen beiden Spielen, ein Albtraum, – könnte Argentinien den WM-Titel in Rio feiern. So war das nicht gedacht.

Vieles war bei der WM nicht so wie gedacht. Auf dem Fußballplatz hat Brasilien zur Überraschung vieler verloren, mehr als ein Mal. Rundherum dafür gewonnen. Vor dem Turnier hatte man das genau umgekehrt erwartet. Doch wie oft vor großen Sportevents hat sich fast keine der apokalyptischen Befürchtungen bestätigt. Die Stadien wurden fertig und blieben stehen, WM-Touristen wurden keineswegs reihenweise von Kriminellen gemetzelt und das Turnier ging nicht im Chaos von Massendemonstrationen unter. Nein, Brasilien feierte vor allem. Das ist ein Klischee, das können die Brasilianer verdammt gut. Deshalb wurde es eine ganz wunderbare WM.

Fast 700.000 ausländische Touristen aus 203 Ländern kamen in den vergangenen vier Wochen nach Brasilien. Auf dem Fanfest an der Copacabana schäkerten angetrunkene Belgier mit Mädchen aus Rios Norden, die extra ein paar Stunden mit dem Bus gefahren waren, um ein paar Gringos kennenzulernen. In Rios Ausgehviertel Lapa sangen amerikanische Fans "USA, USA", ehe sie von chilenischen und brasilianischen Feiernden ausgebuht wurden. Eine Minute später lagen sich alle in den Armen, tranken Bier und rauchten Gras.

Eine WM ist ein großer, gemeinsamer Cluburlaub für die ganze Welt. Sie ist ein Ereignis globaler Verbrüderung, das nicht einmal die Fifa mit ihrer Regelwut verderben kann. Man sieht Argentinier im Papstkostüm, Mexikaner mit Sombrero und Pappmache-Maultier, Fans in Morphsuits und mit Darth-Vader-Masken, Deutsche mit Spielführer-Binden um den Oberarm, Holländer, denen Karotten am Kopf herunterhängen, weil die auch orangefarben sind. Und überall Tausende selbst gebastelte WM-Pokale.

Da machten auch die anfangs skeptischen Gastgeber mit. Mit jedem Sieg der Seleçao wurde es etwas grüngelber auf den Straßen. Meist waren die Stadien ein gelbes Meer, nicht nur wenn Brasilien spielte. "Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor" wurde zum Hit in den WM-Arenen: Ich bin Brasilianer, mit viel Stolz, mit viel Liebe. Seinen Höhepunkt erreichte das Gelbfieber nach dem epischen Achtelfinale gegen Chile – bis sich Neymar verletzte, schon da wurde es ruhiger. Nach dem 1:7 gegen Deutschland war es dann für ein paar Tage totenstill. 

Faire Gastgeber blieben die Brasilianer. Den deutschen Fans huldigten sie nach dem denkwürdigen Halbfinalsieg regelrecht. Jetzt, am Sonntag, sind die meisten Brasilianer für Deutschland und einige können sogar schon wieder lachen. Eine Seite im Internet zeigt stets den aktuellen Spielstand an, falls der Minerazo noch immer nicht zu Ende wäre.

All das soll nicht heißen, dass es keine Probleme während dieser WM gab. In Belo Horizonte stürzte eine für die WM gebaute Brücke ein, zwei Menschen wurden erschlagen, mehr als 20 verletzt. Es wurden auch einige Touristen und Journalisten überfallen. Und das tägliche Töten weit draußen in den Favelas, durch jene Polizei, die diese Favelas für die WM und die Olympischen Spiele in zwei Jahren sicherer machten sollte, dauerte auch während der WM an.

All die Gründe also, weshalb vor einem Jahr eine Million Brasilianer auf die Straße gingen und während der WM immerhin auch ein paar Tausend, die Geldverschwendung, die Korruption, sind noch da. Auch die Wut ist noch da, sie machte nur ein paar Wochen Pause. Lasst uns die Spiele genießen, danach versuchen wir wieder, unser Land besser zu machen. So klang das bei vielen.