Erster Durchgang: das Raum-Lage-Empfinden und der Delfinismus

Nehmen wir diesen Sprung: dreieinhalbfacher Delfinsalto, gehockt.

Hat man vielleicht schon hundert Mal gesehen, bei YouTube oder im Fernsehen. Aber man muss sich das trotzdem kurz mal vorstellen. Als würde Flipper, während er von einem Turm fällt, sich selbst am Rücken kratzen, indem er immer wieder unter sich selber durchkriecht.

Oder den: zweieinhalbfacher Vorwärtssalto mit eineinhalbfacher Schraube, gehechtet.

Die Frage, wenn man Turmspringen anschaut, ist doch: Wie machen die das? Man kennt so etwas sonst ja aus der Ingenieurskunst: Dass Menschen sich die Funktionsweisen der Natur aneignen, um zum Beispiel Teflonpfannen zu erfinden oder Fluggeräte. Aber im Turmspringen bewegen sie sich selbst tierähnlich. Wie Delfine, wie Hechte.

Manche sagen, Turmspringer hätten ein sehr gutes Raum-Lage-Empfinden, das dafür sorgt, dass sie nach zweieinhalb Salti und eineinhalb Schrauben noch wissen, wo sie sind. Man kann aber auch etwas weniger kompliziert sagen, dass sie im Delfinarium anfangen könnten.

Faszinierend jedenfalls ist, dass man als ganz normaler Arschbomber beim Zuschauen seine eigenen Grenzen aufgezeigt bekommt. Deutlich. Das ist der eine Grund, warum man gerne zusieht. Der zweite Grund ist, dass man sich Turmspringen, auch Synchron-Turmspringen, wie beinahe jeden Sport zugleich so zurechtbiegen kann, dass er etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat. Dass man etwas darin sehen kann, was einen betrifft.

Beim Turmspringen ist es, dass die Sportler immer versuchen, beim Fallen nicht zu plumpsen, sondern dabei gut auszusehen. Hinfallen ist okay, Plumpsen nicht. Menschliche Kernkompetenz!

Zweiter Durchgang: Mathematikersport

Patrick Hausding und Sascha Klein heißen die beiden Männer, die am Mittwoch in Berlin mal wieder Europameister im Synchron-Turmspringen vom Zehner geworden sind. Wer sich nur für Fußball interessiert, stellt sich Rafael van der Vaart und Julian Draxler in knappen schwarzen Badehosen vor, das sind, rein äußerlich, ungefähr Hausding und Klein.

Sie sind Weltmeister und Serien-Europameister, insofern kommt es nicht sehr überraschend, dass sie auch den Wettbewerb in Berlin gewinnen. Wie deutlich allerdings das Ergebnis ausfällt, hätte man nicht unbedingt erwartet. Womöglich kämen sie auch noch durch, hätten sie im letzten, dem sechsten Durchgang, eine halbwegs gerade Kerze gewagt.

Insofern kann man nüchtern festhalten, dass das Zehn-Meter-Synchron-Finale nicht für fünf Pfennig spannend ist. Hausding und Klein erhalten in jedem einzelnen der sechs Sprungdurchgänge die höchste Punktzahl aller fünf Finalteilnehmer-Teams.

Aber Spannung ist eigentlich auch nicht, was Turmspringen ausmacht, dafür ist das Prozedere zu wenig dramatisch. Turmspringen mutet ein wenig wie Berechnung an. Wie ein Sport für Mathematiker.

Zwei Menschen klettern auf Türme. Und dann springen sie. Sie beschleunigen auf 50 km/h und werden im Wasser, im Bruchteil einer
Sekunde auf 0 km/h heruntergebremst. 1,7 Sekunden dauert ein Flug. 2,6 Umdrehungen schafft ein Springer pro Sekunde. Insgesamt fällt jedes Team in einem Wettkampf 120 Meter. Jede Sprunggruppe, jede Komplikation wird in Ziffern ausgewiesen. Schraubensprünge beginnen mit einer 5, Handstandsprünge mit einer 6, ein eineinhalbfacher Salto vorwärts mit einer Schraube ist im Turmspringen der Sprung 5132 D.

Wenn man sich beim Turmspringen Notizen macht, hat man daher hinterher drei Blätter voller Zahlen, sonst nichts. Ach doch, eines noch: Die ukrainischen Springer tragen rote Badehosen, alle anderen schwarze.

Dritter Durchgang: Wer spritzt, verliert

Andererseits, ganz stimmt das nicht mit der Ausrechenbarkeit. Man kann vielleicht einiges kalkulieren und an den Schwierigkeitsgraden der geplanten Sprünge erkennen – aber man kann es als Springer immer noch verbocken. Eine Sache ist nämlich doch spannend am Mittwoch: wer die anderen Medaillen bekommen würde. Das weißrussische Team – nach fünf Sprüngen auf Platz vier – hechtet sich im letzten Sprung noch nach vorne. Den beiden Briten, bis dahin auf Platz zwei, missglückt der ungefähr dreidutzendfache Vorwärtssalto.

Im Turmspringen gilt die Regel: Wer beim Eintauchen spritzt, verliert. In diesem Fall gibt es einen kleinen Geysir. Mit dem Sprung hätten die Briten im Asynchronspringen bessere Chancen. Die mit den roten Badehosen werden Dritte.