Mitten in Cesenatico steht ein Denkmal für einen Radprofi. Ins steinerne Monument ist der Satz "Nach dir die Leere" eingemeißelt. Der Mann, der vor der Leere war, heißt Marco Pantani. Er war Kletterkönig, Gewinner von Giro d'Italia und Tour de France, Träger des modischen Piratentuchs. Um die Leere nach seinem Tod zu füllen, richtete die Stadtverwaltung von Cesenatico im vergangenen Jahr ein Volksfest mit gelb koloriertem Himmel aus. Es war in die traditionellen Feierlichkeiten für den "Helden der zwei Welten" eingebettet, den Revolutionär und Gründer des modernen Italiens, Giuseppe Garibaldi. Mehr Ehre geht kaum. 

Da fehlt nur noch die Heiligsprechung. Dem Gedanken daran stand bisher vor allem im Wege, dass der reale Pantani kaum Heiligen-gerecht gelebt hat. Beim Giro d'Italia 1999 wurde er wegen eines erhöhten Hämatokritwerts aus dem Rennen genommen. Ein Hinweis auf Epo-Doping. Als 2006 die Guardia Civil die Räume des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes durchsuchte, beschlagnahmte sie auch Unterlagen, die auf den Klienten PTNI verwiesen.

Sein Tod macht die Sache auch nicht besser. Aufgefunden wurde Pantani am 14. Februar 2004 in einem Zimmer des Hotels Le Rose in Rimini. Die Gerichtsmediziner machten eine Überdosis Kokain als Ursache aus. Der Pirat starb wie ein Junkie. Er hatte sich im Zimmer derart eingesperrt, wie er es Zeugenaussagen gemäß auch bei früheren Drogentrips gemacht hatte; der Hausmeister des Hotels hatte später Mühe, das Zimmer überhaupt zu öffnen.

"Ein großer Champion, Opfer der italienischen Justiz"

Doch um die Todesumstände ist nun ein Deutungskampf ausgebrochen. Die Eltern des Rennfahrers engagierten Experten, die Indizien für ein Fremdverschulden, ja vielleicht sogar einen Mord, zusammengetragen haben. Am 2. August diesen Jahres leitete die Staatsanwaltschaft Rimini deshalb formell ein Ermittlungsverfahren ein. "Das war unsere Pflicht. Wir haben die Unterlagen erhalten. Wenn eine Anzeige wegen versuchten Totschlags aufgegeben wird, müssen wir eine Ermittlung einleiten. Wir werden die Unterlagen lesen und danach entscheiden", teilte Staatsanwalt Paolo Giovagnoli mit.

Das klingt vorsichtig. Pantanis Mutter Tonina ist forscher. Sie feierte die Aufnahme der Ermittlungen als "eine Etappe im Kampf um die Wahrheit". In diesem Kampf sahen sie und mancher Fan ihres Sohns sich bislang auf verlorenem Posten. Ans Pantani-Mausoleum in Cesenatico ist eine Tafel mit der Aufschrift "Ein großer Champion, Opfer der italienischen Justiz" angebracht. Die Bemerkung mag man in Zusammenhang bringen mit der Strafjustiz, die möglicherweise einen Mord nicht erkannte. Sie ist aber auch auf die Sportjustiz gemünzt, die den sehr deutlich führenden Titelverteidiger des Giro d'Italia 1999 von seinem Lieblingsrennen wegen des erhöhten Hämatokritwerts ausschloss.

Nicht ist erwiesen, alles denkbar

Dieser Tag gilt als "erster Tod Pantanis". Der Rennfahrer, der zwei Tage zuvor ein Bravourstück auf der Bergetappe nach Oropa vollbracht hatte, als er nach Kettenschaden 46 Rivalen überholte und den Tagessieg holte, konnte nicht verstehen, dass man ihn davonjagte. Er witterte eine Verschwörung. Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Der im Gefängnis einsitzende frühere Straßenräuber Renato Vallanzasca erzählte, er sei von einem Mithäftling aufgefordert worden, beim Giro 1999 gegen einen Sieg Pantanis zu wetten. Hintergrund war, so Vallanzasca, die Angst der illegalen Wettanbieter, im Falle eines Pantani-Siegs zu viel Geld an die Wetter auszahlen zu müssen. Diese Räuberpistole erinnert an die Fußballmeisterschaft 1987/88: Die schien schon sicher in den Händen des Titelverteidigers SSC Neapel mit der Überfigur Maradona, ging dann aber verloren – und machte die Neapolitaner, die auf ihren Herzensverein gesetzt hatten, ärmer, die Wettanbieter der Camorra aber reicher. Nichts ist erwiesen, alles denkbar.