Klar, Manuel Neuer hätte einen Preis verdient. Was der alles gehalten hat während der WM! Er schüchterte gegnerische Stürmer ein, lief ihnen die Bälle ab und wer weiß, was passiert wäre, hätte er nicht mit einem unerhörten Reflex im Viertelfinale gegen Frankreich den Schuss von Benzema in der Nachspielzeit abgewehrt.

Trotzdem wäre es seltsam, wenn Manuel Neuer am Donnerstag zu Europas Fußballer des Jahres gewählt würde. Nicht, weil die Konkurrenz viel besser war. Nein, die Auszeichnung heißt "Europas Fußballer des Jahres". Und Neuer ist Torwart, kein Fußballer.

Ja, auch Torhüter gehören zu einem Fußballteam. Aber seien wir ehrlich: Torhüter sind anders. Torhüter betreiben ihren eigenen Sport. Meist nehmen sie den Ball in die Hand. Würden das alle machen, hieße der Sport nicht wie er heißt. Ein Torhüter ist das Gegenstück eines Fußballers.

Torhüter machen etwas anderes, Torhüter sind anders.

Torhüter trainieren kaum mit der Mannschaft. Meist schuften sie allein mit den anderen Torhütern in einer Ecke. Torhüter haben einen eigenen Trainer. Torhüter sehen anders aus. Torhüter tragen Handschuhe, lange Hosen, ein anderes Trikot.

Torhüter sind verrückte Sonderlinge. Kennen Sie einen Normalen? Vor vielen muss man Angst haben. Das ist alles zu erklären, weil sie diesen unhaltbaren Druck aushalten müssen. Ein Fehler von ihnen bedeutet meist ein Gegentor. Einige kompensieren den Druck mit Aggressivität. Andere mit ungestümem Herauslaufen, Kopfballeigentoren oder Entenjagden.

Viele haben andere Ziele als die Mannschaft. Die will gewinnen, der Torhüter zu Null spielen. Oft gestikulieren die Schlussmänner, wenn es der Innenverteidiger in der Schlussminute nicht mehr ganz so genau nimmt.

Ganz früher gab es gar keine Torhüter. Es ging immer der ins Tor, der nicht mehr konnte. Erst 1871 kam der Torwart ins Spiel. Er war sozusagen eines der ersten Produkte der Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs.

Torhüter werden so gut wie nie Trainer. In 51 Jahren Bundesliga gingen nur drei Vereine jemals mit einem Torhüter als Trainer in eine Saison. Momentan gibt es in der Bundesliga keinen, in der Zweiten Liga nur Oliver Reck. International ist es nicht anders. Wie soll auch einer über Gegenpressing oder Verschieben dozieren, wenn er selbst immer nur am Elfmeterpunkt herumstand?

Nun ist Neuer einer der sogenannten modernen Torhüter. Er spielt mit, heißt es. Das ist natürlich Quatsch. Er spielt nicht mit, zumindest nicht so wie ein Feldspieler. Neuer kommt heraus und klärt einen Ball, er macht das häufiger als andere. Doch oft landet der Ball im Nirgendwo. Mit Fußball hat das nichts zu tun. Seine weiten, schnellen und genauen Abwürfe schon gar nicht. Das ist Handball oder Basketball.

Wie ungeschickt Torhüter sind, erkennt man immer, wenn sie nach vorne gehen. Kurz vor Schluss, bei einer Ecke, wenn es noch ein Tor braucht. In 99 Prozent der Fälle aber hüpft oder rennt der Torhüter ins Leere oder stolpert über seine Füße, wenn der Ball vor ihm landet.

Fußball, das ist ein Solo, ein Pass, ein Spielzug, auch ein Fallrückzieher, ein Fernschuss ans Gebälk. Torhüter nehmen an diesem Spektakel als Zuschauer teil. Oder machen es kaputt.

Nichts gegen Paraden und gepflückte Flanken. Das Spiel des Torwarts hat seine eigene Faszination, aber eine andere als Dribblings oder Doppelpässe. Beides ist nur schwer vergleichbar. Genau das macht die Preisverleihung aber, als würde es einen Oscar für ein Theaterstück geben. Oder den Pulitzerpreis für einen gelungenen Tweet.

Torhüter brauchen eine eigene Kategorie. In der 58-jährigen Geschichte der Auszeichnung Europas Fußballer des Jahres beziehungsweise dessen Vorgänger Ballon d’Or wurde nur einmal ein Torhüter gewürdigt: Lew Jaschin, 1963. Das muss doch einen Grund haben.