Was für einen Unterschied drei Wochen machen. Die Leverkusener, die am Sonntag in Wolfsburg mit hängenden Köpfen vom Platz schlichen, waren im Großen und Ganzen dieselben, die sich noch vor drei Wochen über die Tabellenführung gefreut hatten. Die Leverkusener, die am Sonntag 1:4 unter die Räder kamen, waren im Großen und Ganzen dieselben, die noch vor drei Wochen Attribute wie "irrwitzig" verpasst bekamen und als "neue Eskalationsstufe in der Entwicklung des Spiels" (SZ) galten. Den Leverkusenern, die seit drei Wochen nicht mehr gewonnen haben, wurde damals zugetraut, den großen Bayern in dieser Spielzeit das Leben schwer zu machen.

Neun Sekunden reichten für diese Erkenntnis. So lange brauchte Karim Bellarabi für das schnellste Tor der Bundesligageschichte. Kein Prototyp schneller Tore, das sind meist direkt aufs Tor geschlagene Anstöße, die nur ins Tor gehen, weil der Torhüter zu weit vor seinem Tor steht. Das gegen den BVB war herausgespielt, mit Vollgas und ein wenig Glück. Es waren die ersten neun Bundesligasekunden unter dem neuen Trainer Roger Schmidt. Noch nie führte eine neue Spielphilosophie so schnell zu einem ersten Erfolgserlebnis.

Bayer Leverkusen spielt noch immer den aufregendsten Fußball der Liga. Man muss das live im Stadion sehen, am Fernsehbildschirm geht viel Tempo verloren: Wie sie sich auf den Gegner stürzen, zu dritt oder zu viert, wie sich die gesamte Mannschaft bis ins letzte Glied choreografiert rasant nach vorne schiebt, wie sie für Schweißausbrüche bei den gegnerischen Verteidigern sorgen, die es doch gewohnt sind, einigermaßen ruhig das Spiel aufbauen zu können. So etwas hat man in diesem Extrem in der Bundesliga noch nicht gesehen. Selbst von Borussia Dortmund in den frühen Klopp-Jahren nicht.

Doch zu riskant?

"Ballorientierte Vorwärtsverteidigung" nennt sich das und gilt an den Fußballlehrerausbildungsstätten der Welt als letzter Schrei. "Ich finde, die 90 Minuten sind viel zu schade, um abzuwarten. Man sollte die Zeit nutzen, etwas zu zeigen und die Zuschauer zu unterhalten", sagte Roger Schmidt über das, was er sich ausgedacht hat. Das klingt sehr nett, es gibt nur ein Problem: Leverkusen gewinnt gerade nicht.

Gegen Bremen vor einer Woche reichte es nur zu einem, wenn auch spektakulären 3:3. Der Champions-League-Auftakt in Monaco ging mit 0:1 in die Hose. Und nun eben das 1:4 beim VfL Wolfsburg, dessen Heldentaten in dieser Spielzeit bislang überschaubar waren.

Leverkusens Trainer Roger Schmidt schien am Sonntag nur wenig zerknirscht. Höflich gratulierte er seinem Trainerkollegen Dieter Hecking und schilderte die Gründe für die Niederlage: Ein Elfmeter und eine Rote Karte nach sechs Minuten und insgesamt auch etwas Pech, damit hat Schmidt die Partie gut zusammengefasst. Er schien fast froh, dass dieses Spiel so früh so ungewöhnlich verlief, dass man aus ihm nicht sonderlich viel Größeres herauslesen konnte, sonst hätte Schmidt vielleicht wieder einer jene Grundsatzfragen beantworten müssen, die in den Tagen davor aufgekommen sind. So etwas wie: Ist dieser Vollgas-Fußball vielleicht doch etwas zu riskant?

"Bisschen weniger Spektakel"

Für eine solche Einschätzung ist es etwas früh, aber so ähnlich war es schon zu lesen. Zum Beispiel nach dem 3:3 gegen Bremen, in dem Bayer so leidenschaftlich nach vorne spielte, dass es allein in der ersten Hälfte mindestens fünf Tore hätte schießen müssen, um dann in der zweiten Spielhälfte nicht weniger leidenschaftlich in Konter zu laufen. Auch in Monaco war Leverkusen die zunächst viel bessere Mannschaft und verlor am Ende doch irgendwie ernüchternd.

"Mir wäre ein bisschen weniger Spektakel manchmal ganz recht", hatte etwa der Innenverteidiger Ömer Toprak schon vor dem Wolfsburg-Spiel gesagt und vor dem systemimmanenten Kontrollverlust gewarnt. Bayers Torwart Bend Leno befand: "Wir müssen eine bessere Mischung zwischen Offensive und Defensive finden. Wir denken zu viel nach vorne." Man darf es den beiden Toreverhinderern nicht übel nehmen, wenn sie ihre Bedenken vortragen, die Mannschaft könne nicht gut genug Tore verhindern.

Sieht aus wie Justin Bieber, aber hat ein Herz wie Rambo

Andere im Team sind anderer Meinung. "Erst wirst du gelobt, und jetzt wird schon gefragt, ob dieser Hurra-Fußball wirksam ist. Ich finde das Schwachsinn", sagte Leverkusens Stürmer Stefan Kießling. Man darf es einem Torjäger auch nicht übel nehmen, wenn er seine Lust aufs Toreschießen verteidigt.

Roger Schmidt wurde am Sonntag nicht müde zu betonen, wie jung seine Mannschaft sei. Jung und talentiert, natürlich. Da wären etwa Tin Jedvaj, ein 18-jähriger Kroate, der aussieht wie Justin Bieber, aber ein Herz hat wie Rambo. Oder der feinfüßige Hakan Çalhanoğlu, 20, der die schönsten Freistöße der Liga schießt. Oder Karim Bellarabi, 24, mit dem es in puncto Schnelligkeit nur Aleixo-Platini Menga aus der Leichtathletik-Sparte des Vereins aufnehmen kann.

Die Mannschaft ist aber auch jung und naiv. In Wolfsburg war das Spiel nach sechs Minuten entschieden, weil sich Leverkusens Donati entschlossen hatte, sich etwas unbedarft an seinen Wolfsburger Gegenspieler zu hängen. Und auch danach versuchte Leverkusen tapfer, seinen Spielstil durchzudrücken. Dabei ist so ein proaktiver Stil zu zehnt in etwa so einfach durchzuführen wie ein Doppelpass mit sich selbst. Doch vorübergehend ging das sogar. 

Kein Plan B?

Bayer machte das 1:1 durch den listigen 22-jährigen Josip Drmić und spielte dann zehn Minuten lang so, als wären sie einer mehr, nicht der Gegner, bevor sie etwas unglücklich Sekunden vor der Halbzeit das 1:2 kassierten. Man kann das für mutig halten. Oder Roger Schmidt die Frage stellen, ob er keinen Plan B hat, wenn es Spielsituationen wie Unterzahl oder eine knappe Führung kurz vor Schluss verlangen. Momentan gilt: Entweder "Hurra, hurra" oder "Ojemine".

Ein weiteres Problem: Schmidts Fußballanarchismus ist sehr laufintensiv und kräftezehrend. Um den Stil in Liga, Pokal und Champions League durchzuhalten, muss Bayer rotieren, die Spieler brauchen Pausen. Leverkusens Bank kann aber noch nicht mit der der ebenfalls immer wieder wechselnden Bayern und Dortmunder mithalten, ein Wettbewerbsnachteil. Bayer scheint gegen Ende der Partien oft die Luft auszugehen. Bis auf das Spiel gegen die Hertha spielten die Leverkusener die erste Halbzeit wesentlich besser als die zweite.  

Bremen lieferte Blaupause

Zudem haben sich viele Gegner taktisch doch schneller auf Bayer eingestellt, als es ihnen lieb sein kann. Ab und an stürzen sich die Leverkusener so wild auf den Gegner, das der fast kichern muss. Durch Bayers extremen Drang zum Ball bieten sich anderswo viele Räume, die genutzt werden können. Was es dazu braucht, ist lediglich eine geschickte Spielverlagerung. Werder Bremen lieferte vor einer Woche eine Blaupase, wie man Leverkusen schaden kann.

Roger Schmidt wird tüfteln und an Schräubchen drehen. Er wird versuchen, seinen Stil perfektionieren. Ändern wird er ihn ganz sicher nicht. Warum auch, nach erst vier Bundesliga-Auftritten? Der Liga bleibt so ein höchst unterhaltsames Fußballteam erhalten. Und vielleicht auch ein erfolgreiches. Denn wie sagte Schmidt kürzlich: "Wenn wir unser Spiel so durchziehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir als Sieger vom Platz gehen, extrem hoch."