Fragte man in der S-Bahn zum Stadion die Hauptdarsteller dieses Abends, die schottischen Fans, über das Ergebnis, hört man: "Die Wahl über unsere Unabhängigkeit ist offen, aber heute gewinnt Schottland." Aber Deutschland ist doch Weltmeister, erwiderte ein deutscher Fan. Antwort: "Schottland gewinnt." Fans sagen so was ja immer, aber diese Schotten, die mit ihrem Charme und ihren frisch gelernten Schmährufen auf Schalke 04 auch Dortmunder Polizisten und Großmütter zum Lachen brachten, dachten wirklich so.

Hätte auch ihre Mannschaft von Anfang an an ihre Chance geglaubt, hätte sie die Prognose der Fans vielleicht erfüllt. So aber gewann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das erste Spiel der EM-Qualifikation. Den Schotten hingegen blieb nur der Sieg gegen Christoph Kramer in der Partie  Schnick Schnack Schnuck, die er kurz vor dem Abpfiff mit seinem Gegenspieler aus unerfindlichen Gründen ausknobelte. Die schottischen Fußballer hatten nicht gewusst, wie unfertig und brüchig der Weltmeister zurzeit ist. Sie hatten nicht gewusst: Die Deutschen schnicken auch nur mit Schere, Stein, Papier.

Die 5.000 schottischen Fans machten Dortmund früh zu ihrer Heimstätte. Die Innenstadt war tagsüber übersät mit Männern in karierten Röcken. Vor dem Stadion beehrte ein Dudelsackspieler die Gastgeber mit der deutschen Hymne, nahm ihr mit seiner Sackpfeife jede Getragenheit und Schwere. Im Stadion belegten die Fans schon Stunden vor dem Beginn die Blöcke und sangen: "We hate England more than You." Während des Spiels feierten sie jede Ecke, auch die deutschen. In der Halbzeit ging bei Sweet Caroline die Post ab.

Bloß die schottischen Spieler hielten sich zu lange zurück. Eine Halbzeit lang verteidigten sie bloß ihr Revier. Gestatteten den Deutschen, technisch überlegen, gelenkt von Toni Kroos, die Kontrolle über Ball, Spiel und Gegner. Die Deutschen kamen zwar in der Mitte kaum durch, flankten aber so oft auf Thomas Müller, bis der Ball von dessen Kopf ins Tor plumpste. Die Reaktion des Trainers Gordon Strachan nach dem Spiel: "Dieser Müller springt 2,50 Meter hoch, da kann man nichts machen." Die Reaktion der schottischen Fans: "Where is the shitey home support?"

In der zweiten Halbzeit zogen die schottischen Spieler mit ihren Fans gleich, spielten jetzt mit. Angeführt von Steven Naismith legten sie den Respekt vor dem Weltmeister ab und manche Schwäche bloß: beide Außenverteidiger unerfahren und ungelernt, die Innenverteidigung nicht eingespielt, das Angriffsspiel im letzten Drittel oft unkoordiniert und ungenau.

Bestes Beispiel war das Gegentor, nachdem die Schotten schon ein paar Chancen nicht verwertet hatten: Mario Götze, offenbar davon irritiert, im Westfalenstadion nicht ausgepfiffen zu werden, verlor den Ball, Sebastian Rudy kam nicht rechtzeitig zurück und Benedikt Höwedes spielte im falschen Moment auf Abseits. Schon war die Bahn frei für den schnellen Ikeci Anyam, der nutzte sie zum Ausgleich und holte aus den Fans und dem Dudelsack die letzten Töne raus. Strachan durfte später unwidersprochen sagen: "Nach dem 1:1 dachte ich, wir gewinnen."

Doch wenn wenig geht im deutschen Team, Müller geht immer. Müller ist so was wie die Warnblinkanlage beim Auto. Nach einer Ecke schippte er einen doppelten Abpraller ins Tor, es sollte der Siegtreffer werden. Antwort der schottischen Fans: "Can You hear the Germans sing? No-o-o!"

Für die Schwächen im deutschen Spiel gibt es mehrere Ursachen. Wichtige Spieler sind verletzt, etwa Khedira, Schweinsteiger, Hummels, Gündogan, nun vielleicht sogar wieder Reus, der bei deutschen Fans ein Déja-vu erhumpelte. Andere seien müde, sagte Joachim Löw, das sei häufig so im September. So langsam merkt die Fußballnation, dass Philipp Lahms Rücktritt die Mannschaft geschwächt hat, eventuell sogar enorm. Dazu kommen ein paar alte Mängel in Abwehr und Angriff, die durch den 7:1-Sieg gegen Brasilien und den Titelgewinn in Rio verdeckt worden waren.

Auf der Pressekonferenz hinterließ Löw den Eindruck, die Nation auf etwas kargere Zeiten vorbereiten zu wollen. Er verwendete beschönigende Begriffe aus der Zeugnissprache:

  • gute Versuche
  • Ansätze waren da
  • zu meiner Zufriedenheit
  • das Beste draus gemacht

Löws einzige Erwartung sei aber erfüllt: drei Punkte. "Wir kriegen's hin, wenn's drauf ankommt", sagte er.

So richtig wird es demnächst nicht drauf ankommen in der Nationalelf. Vielleicht waren auch deswegen nur 60.000 Zuschauer gekommen. Das ist natürlich nicht schlecht, heißt aber auch: Mehr als 5.000 Plätze blieben beim ersten Quali-Spiel des Weltmeisters leer. Und das in Dortmund, wo noch dazu fünf BVB-Spieler im Kader standen. Das mag auch an den Ticketpreisen des DFB liegen. Die Hauptschuld dürfte aber der neue Spielplan der Uefa tragen. Die EM-Qualifikation findet neuerdings im Modus Gähn statt, selbst der Gruppendritte kann sich für Frankreich qualifizieren. Und Anstoß am Sonntag um 20.45 Uhr ist fan-feindlich, auch weil zu Länderspielen viele Familien kommen, teils von weit weg.

Für Schottlands Fans gelten freilich andere Gesetze. Ihre Mannschaft könnte Montagmorgen auf dem Mond spielen und sie wären da. So bejubelten sie ihr Team trotz der Niederlage. Nicht jedoch bevor sie dem Schiedsrichter ein Buhkonzert widmeten. Der hatte auch ein bisschen zu viel Respekt vor dem Weltmeister gezeigt. Erik Durm hätte Rot sehen können, vor dem Siegtor sahen viele ein Foul von Höwedes und eine letzte Ecke der Schotten ließ er nicht mehr ausführen.

Doch aus der Kneipe im Borusseum direkt neben dem Stadion erklangen auch Stunden nach dem Spiel der Dudelsack und schottische Chöre.