Die Entscheidung des Europäischen Fußballverbands (Uefa), ein Viertelfinalspiel der Fußball-EM 2020 an Russland zu vergeben, verursacht Kritik unter deutschen Politikern. "Die Entscheidung für Sankt Petersburg wird Putin nutzen", sagt Wolfgang Bosbach (CDU), der Vorsitzende des Innenausschusses des Deutschen Bundestags. Wegen der andauernden Ukraine-Krise und der Annexion der Krim hat die EU ihre Sanktionen gegen Russland vorige Woche erst verschärft.

"Die Entscheidung der Uefa ist falsch", sagt auch Özcan Mutlu, der sportpolitische Sprecher der Grünen. "Seit Monaten blickt die Welt mit Schrecken und Angst auf das, was Putin in der Ostukraine veranstaltet. Und nun vergibt die Uefa die EM an Sankt Petersburg, eine Hochburg der Putin-Anhänger." Diese Stadt sei Symbol Putins Größenwahns.

Hätte die Uefa Putin eine Absage erteilt und dies mit der politischen Lage begründet, wäre die russische Bevölkerung vielleicht aufgewacht, sagt Mutlu. "So muss sich Russland in seiner Haltung noch bestärkt fühlen." Der Zuschlag für Sankt Petersburg widerspreche den Signalen der Politik, sagt Bosbach. "Nun wird Putin behaupten dürfen, welch großes Vertrauen sein Russland in Europa genießt."

Seit Jahren sind sportliche Großveranstaltungen ein wichtiger Teil der Politik Putins. Die Olympischen Winterspiele 2014 holte er in den Badeort Sotschi. Die Formel 1 gastiert neuerdings ebenfalls dort. 2018 wird die Fußball-WM in Russland stattfinden. Die EU erwägt einen Boykott der WM, möglicherweise wird sie die Fifa bald auf einen Entzug drängen.

"Der Sport lässt sich von Diktatoren missbrauchen"

Vor diesem Hintergrund zeige die Entscheidung, welch "dubiose Gestalten" bei der Uefa sitzen, sagt Mutlu. "Putin hat Sotschi als große Bühne genutzt." Bei der WM und der EM werde er das auch tun. "Der Sport lässt sich von Diktatoren missbrauchen. Das ist Kopf-in-den-Sand-Politik", sagt Mutlu. Die Entscheidung für Sankt Petersburg schade auch dem Sport. "Was muss geschehen, damit der Sport aufwacht?"

Die Sportverbände verweisen oft darauf, dass Großveranstaltungen den Blick auf das Gastgeberland und die möglichen Missstände lenken sollen und dadurch Demokratie und Menschenrechte stärken. "Doch diese Hoffnungen wurden oft enttäuscht", sagt Bosbach. Sotschi habe die demokratischen Kräfte in Russland keineswegs gestärkt. Das Gegenteil stimme. "Putin hat sein Land für Olympia mit beispielloser Rücksichtslosigkeit ausgebeutet. Ich fürchte, auch in Sankt Petersburg lassen sich solche Hoffnungen nicht verwirklichen."

Der Sport finde nicht im politikfreien Raum statt, er müsse Verantwortung übernehmen, fordert Mutlu. Insbesondere die deutschen Verbände hat er im Blick. Es werde Zeit, dass sich der DFB stärker für Reformen in der Uefa und der Fifa einsetze, sagt Mutlu. "Letztlich muss man feststellen", sagt Bosbach, "dass es dem Sport zu sehr um kommerzielle Erwägungen geht."