Glaubt man an den schmutzigen Charme des Amateurfußballs, dann ist der Oskar-Kesslau-Sportplatz in Hamburg-Mitte ein Wohlfühlort: Rostroter Grand der übelsten Sorte, grobkörnig, zahlreiche Löcher. Zwei Handvoll Hobbykicker schlurfen aus den Umkleidebaracken, die im Schatten eines surrealistischen Bürogebäudes aus Stahl und Glas liegen. Linkerhand eine viel befahrene Bahnstrecke, rechterhand ein Fleet, der den Platz von einer Ausfallstraße trennt. Kreisklassetraining. Wetter: bescheiden. Zuschauer: null. Und mal wieder ein Reporter dabei. Alltag beim SV Muslime.  

Fußballerisch unterscheidet sich der SV Muslime kaum von den anderen Mannschaften in der Kreisklasse 10. Was das Drumherum angeht, schon. Wer hier einen Mitgliedsantrag unterschreibt, unterschreibt gleichzeitig eine Absichtserklärung: Man verzichtet auf Alkohol, aufs Nacktduschen, aufs Fluchen. Die Hosen, in denen die Mannschaft ihre Spiele bestreitet, sind dreiviertellang, damit die Aura des Mannes – vom Bauchnabel bis zum Knie – bedeckt ist. Vor den Spielen gibt es ein gemeinsames Gebet, direkt auf dem Platz oder in einer der Hamburger Moscheen. Mit diesen Grundsätzen gilt der SV Muslime als erster islamischer Verein im offiziellen deutschen Spielbetrieb. Grund genug offenbar, dass überregional über die Kreisklassekicker berichtet wurde: Die FAZ war hier, die taz, die türkischsprachige Hürriyet, der NDR, das Deutschlandradio.

Mahmut Sariz, Trainer, 29 Jahre alt, Typ sympathischer Bär, ruft seine Spieler zusammen. Einige schnacken weiter, andere bolzen aufs Tor. "Jungs, das ist anstrengend", tönt er etwas lauter und beginnt mit seiner Ansprache. Sariz ist in Hamburg geboren und "nie weggekommen". Auf seinem Facebook-Profil ist als Lieblingsbuch der Koran angegeben, als Lieblingsserie die Simpsons und als Lieblingssportler Thomas Müller. Beim SV Muslime ist er seit der Gründung im Jahr 2008. In dieser Saison soll der Aufstieg in die Kreisliga gelingen, nachdem die vergangene Spielzeit auf dem fünften Platz beendet wurde. 

Zu lange in der Kabine gebetet

"Wir müssen dran glauben", beschwört er seine Spieler, tänzelt dabei vor und zurück. Der nächste Satz geht unter, weil ein Zug vorbeipoltert. Sariz verstummt, hebt entschuldigend die Hände. Als er wieder ansetzt, hat sich auch Hamdi zur Spielertraube dazugesellt. Der rechte Mittelfeldspieler ist ein bisschen spät dran, weil er in der Kabine zu lange gebetet hat. "Kann doch nicht sein", schmunzelt Sariz, "du warst doch als erster da."

Bis sich der Sportverein mit den Tücken der Kreisklasse rumschlagen konnte, war es freilich ein langer Weg – und das in Deutschland, dem Weltmeisterland der Vereinsmeierei, in dem das Vereinsregister als Spiegelbild der Gesellschaft gilt. In Hamburg zählte zu dieser Gesellschaft der Bauverein der Anthroposophen, der Verein der Freunde der Eurythmie und der Meerschweinchen Hobby-Club. Doch ein Verein, der sich SV Muslime nennen will? In den zuständigen Ämterohren klingelten die Alarmglocken. Der Staatsschutz bestand auf Mitgliederprüfung. Heute, so lässt die Behörde verlauten, ist der Verein selbst kein "Beobachtungsobjekt". Einzelne Mitglieder kenne man natürlich. Sariz lächelt, wenn man ihn auf diese Gründungsepisode anspricht. "Die Deutschen neigen immer dazu, alles in Richtung Weltuntergang zu bringen."  

Jetzt hat er aber gerade andere Sorgen: Die Passübung klappt überhaupt nicht, weil jeder Flachpass auf dem staubigen, steinharten Boden unberechenbar wird. Bei Flugbällen blendet das niedrige Flutlicht. Klassisches Kreisklassetraining eben. Das gilt auch für den Hamburger Schnack, mit dem die Spieler die Aktionen lautstark begleiten. Einzige Auffälligkeit: Das omnipräsente "Digga", als Ansprache und Füllsel auf den Fußballplätzen der Hansestadt häufiger zu hören als "Pass" oder "Tor", wird meistens durch "Bruder" ersetzt. Ab und zu hört man noch ein "Inschallah" – so Gott will. 

Drei Fairplay-Preise in Folge

Ansonsten gleicht das Training jedem anderen x-beliebigen Kreisklassetraining. Auch in der Kabine geht es nicht um die neuesten Fatwas, sondern um die Bundesliga, um Autos, um Computerspiele. "Wir sind gläubige Muslime. Aber religiöse Debatten werden bei uns nicht geführt", sagt Sariz.

Mit Skepsis war man dem SV Muslime auch beim Hamburger Fußballverband begegnet – was heute, sechs Jahre nach der Gründung, geflissentlich bestritten wird. In den Diskussionsforen der großen Amateurfußballcommunity folgten einige verbale Grätschen. Der Tenor: Nicht schon wieder so ein Kanakenverein. Bei dem Namen sei es doch vorhersehbar, dass es zu Spielabbrüchen komme. Einige Gegenspieler begrüßten die Kicker des muslimischen Vereins in der Premierensaison gleich als Taliban und Bombenleger. Doch nachdem der SV Muslime in die Kreisliga aufgestiegen war und drei Fairplay-Preise in Folge gewonnen hatte, blieben derartige Provokationen aus. Man war ein gern gesehener Gast. Die Mannschaft spielte sogar so fair, dass sich Trainer Mahmut Sariz bald gezwungen sah, gegenzusteuern. "Wir haben alle Zweikämpfe vermieden. Das war einer der Gründe, warum wir nach drei Jahren aus der Kreisliga abgestiegen sind." 

Heute kracht es auch im Training. Hamdi wird umgestoßen und rutscht über den Grand. Bruderschaft hin oder her, hier geht es um Stammplätze. Sariz, der Kumpeltyp, greift nur selten ein und verlässt sich auf den "Tick mehr Zusammenhalt", den sein Team auszeichnet. Nach dem Trainingsspiel schlendert er Richtung Kabine und packt die Bälle zusammen. Selbst spielen will er nicht mehr, auch wenn es in den Füßen juckt. "Die Jungs werden frech, wenn ich nicht an der Außenlinie stehe."

"Lediglich eine Alternative"

Dass die Vereinsgründung ein derartiges Echo auslöst, damit hatte er nicht gerechnet. Denn eigentlich hatten die Gründer nicht den Plan, einen Botschafterverein für den Islam aus der Taufe zu heben. "Wir wollten lediglich eine Alternative bieten", so Sariz, und weiter: "Im Amateurfußball ist es schwierig für einen gläubigen Moslem. Wenn nach dem Training jemand nackt durch die Kabine läuft, in der einen Hand das Bier und in der anderen die Kippe, dann stört das schon." Zwischen den Zeilen klingt immer wieder die Versuchung durch, vor der sich ein gläubiger Moslem schützen soll. "Eigentlich wollen wir den Islam nicht repräsentieren, sondern besser leben können", sagt Sariz.  

Über das mediale Interesse haben sich die "Koran-Kicker" (NDR) aber trotzdem gefreut. Das bedeutet allerdings nicht, dass man mit jedem spricht. Eine tendenziöse Berichterstattung will man vermeiden, diskutiert deshalb im Vorstand über Anfragen. Sebastian Hamza Hollatz, mit 16 zum Islam konvertiert und Fußballobmann des Vereins, erklärt die Vorsicht: "Wir möchten nicht, dass man uns als die guten Jungs vom SV Muslime darstellt, und dann als Kontrast irgendein böses Gesicht zeigt." Oder dass der Verein benutzt werde, um Ängste zu schüren. Denn dafür reichen schon die gefälligen Artikel aus, die bisher erschienen sind und eine Menge Kommentare nach sich zogen.

Eine religiöse Fußballmannschaft als Schritt zur Segregation?

Im Nachrichtenblog blu-News erschien eine islamkritische "Gegendarstellung", unter den online veröffentlichten Artikeln wurde die Kommentarfunktion fleißig genutzt. So sprachen zum Beispiel die User der FAZ von Segregation und Parallelgesellschaft. Besonders besorgt war "Horst Johnson": "Jetzt SV Muslime, morgen Dschihad 09 oder Borussia Salafista. Wir schaffen uns noch schneller ab als von Sarrazin beschrieben." Darüber habe man gelacht, erklärt Hollatz. "Das kann man ja nicht ernst nehmen."

Auch Sariz muss schmunzeln, wenn er an die Reaktionen denkt. Aber ist eine religiöse Fußballmannschaft nicht wirklich ein Schritt zur Segregation? Der Trainer fährt sich mit der Hand übers Gesicht, legt seine Stirn in Falten und zögert einen Moment, was sonst gar nicht seine Art ist. "Glaub ich nicht", erklärt er dann. "Es gibt genug Brüder in den anderen, nicht-islamischen Vereinen. Wir sind ein einzelner Verein und tragen eher zur Vielseitigkeit bei." Zudem seien Spieler anderer Religionen gerne gesehen. Aktuell gibt es aber keinen. 

Mittlerweile auch "Schwesternsport"

Da auch der einzige Schiit zu einem anderen Verein gewechselt ist, spielen beim SV Muslime aktuell nur noch Sunniten. "Aber immerhin", so erklärt Sariz weiter, "sind wir einer der internationalsten Clubs in Hamburg." Zwischendurch spielten Spieler aus neunzehn verschiedenen Nationen zusammen, heute sind es immerhin noch zwölf. Damit ist der SV Muslime auch ein Gegenmodell zu den eigenethnischen Vereinen.  

In der Tat ist der Vergleich interessant. Als in den achtziger Jahren die "Verbleibeabsicht" der Arbeitsmigranten ersichtlich wurde, schossen die "Ausländervereine" wie Pilze aus den staubigen Fußballplätzen der Großstädte. Aus Verbandssicht waren sie aber nur eine Interimslösung, sollten im deutschen Fußballvereinswesen also nur befristet geduldet werden. Doch die Granduhr, die der Verband für die Vereine laufen ließ, lief nicht ab. Allein in Hamburg gibt es heute über dreißig Fußballvereine, die sich eigenethnisch organisieren. Eine "Verbleibeabsicht" gibt es auch bei dem Großteil der etwa vier Millionen Muslime in Deutschland. Ist der erste muslimische Fußballverein also vielleicht ein Zeichen, dass der Islam zu Deutschland gehört, wie der Kurzzeitbundespräsident Christian Wulff betonte?

Sariz zögert zum zweiten Mal. "Ja, kann schon sein", murmelt er dann. Politik wolle man aber nicht machen. Sondern Fußball spielen. Und natürlich als Verein wachsen. Das gelingt bisher ganz gut, trotz einiger Rückschläge. Mittlerweile kann man beim SV Muslime auch Basketball spielen. Seit diesem Frühjahr bietet der Verein zudem "Schwesternsport" an, Hijaby Martial Arts mit Kickboxfokus. Die Fußballabteilung plant die Meldung von Jugendmannschaften. "Mein Traum ist ein richtig bunter Verein, nach unseren Regeln." Ob sich das vereinbaren lässt, wird die Zukunft zeigen. Und hoffentlich, so Sariz weiter, "gelingt endlich der Wiederaufstieg in die Kreisliga. Inschallah."