Nachwuchstraining - Funino, der neue Kinderfußball

Gero, acht Jahre alt, hat ein Tor geschossen. Schon eilt er zurück, um zu verteidigen. Er nimmt seinem Gegenspieler den Ball ab, passt zum Mitspieler, läuft sich frei, erhält den Ball zurück, spielt einen Gegner aus und bereitet das nächste Tor vor. Zehn Sekunden bloß hat es gedauert und Gero hat fast alles gemacht, was wichtig ist im Fußball.

Gero spielt Funino (Fun, englisch für Spaß; Nino, spanisch für Kind). So heißt das Spiel für sechs- bis neunjährige Fußballer, die F-Jugend. Es hat ein paar besondere Regeln: Das Feld ist kaum größer als ein Basketballfeld. Es gibt nicht zwei große Tore, sondern vier kleine. Jede Mannschaft greift auf zwei von ihnen an, die etwa vierzehn Meter nebeneinander entfernt an jeder Längsseite stehen. Torhüter gibt es nicht. Und ein Team besteht nicht aus elf, nicht aus sieben, sondern aus drei Spielern.

Auf den Trainingsplatz des FC St. Pauli im Norden Hamburgs passen sechs Funino-Felder. Dort rennen, schießen, toben zeitgleich 48 Kinder. St. Pauli trägt seit zwei Jahren regelmäßig Turniere aus, lädt kleinere Vereine aus der Nachbarschaft ein. Wohlgemerkt, die Rede ist nicht von einer Trainingsform, in St. Paulis F-Jugend hat Funino das herkömmliche Spiel ersetzt.

Fußball kennen die meisten als 11 gegen 11 auf dem großen Feld. Für die Kleinen ist das ungeeignet, der Weg zum anderen Tor gleicht einer Weltreise. Weniger Spieler, kleineres Feld – das gibt’s im Kinderfußball schon länger. Üblich sind 7 gegen 7 quer über das Fußballfeld, in manchen Bundesländern auch 5 gegen 5. Funino ist die radikalste Variante.

Funino ist die beste Variante. Das sagt Christian Klose, der Jugendkoordinator der U7 bis U13 des FC St. Pauli. "Funino schult auf ideale Weise die elementaren Fähigkeiten im Fußball", sagt er. Dominik Drobisch, Leiter des Kinderzentrums der TSG Hoffenheim, stimmt zu. Funino garantiere mehr Ballkontakte, Pässe, Schüsse und Zweikämpfe. Nach wenigen Minuten sind alle außer Puste, auch weil es nach Toren ohne Anstoß sofort weitergeht.

Beim 3 gegen 3 ist jeder Spieler in jeden Angriff eingebunden, aber auch beim Verteidigen. In Spielen mit größeren Mannschaften auf größeren Feldern steht meist mindestens ein Spieler rum oder wird übergangen, selbst beim 4 gegen 4. "Sobald ein Spieler beim Funino pausiert, fällt das auf", sagt Klose. Verstecken ist nicht. Funino habe dadurch einen wichtigen pädagogischen Effekt: Es fordere und fördere die Schwächeren.

Die Regeln dem Kind anpassen

Einen speziellen Zweck haben die Tore: Dass man auf zwei Ziele angreife, helfe den Kindern, ihr Blickfeld zu erweitern, sagt Klose. Sie erlernten, die Angriffe auf die andere Seite zu verlagern und taktische Entscheidungen zu treffen. Und in der Verteidigung prägten sie sich automatisch das Verschieben ein, die Grundlage der Raumdeckung, sagt Klose. "Dank Funino bekommen Siebenjährige Spielübersicht."

Drobisch und Klose berichten von deutlichen Fortschritten ihrer Fußballkinder, seit sie Funino spielen lassen. Hoffenheim lässt gerade wissenschaftlich auswerten, was das Spiel bringt. So viel kann man aber jetzt schon sagen: Die Funino-Kicker spielen ihren Mitspielern den Ball genauer, schneller und härter zu. Klose sagt, er registriere schnelle Lerneffekte beim Freilaufen, Passen und Dribbling.

Beim Turnier in St. Pauli passt Gero durch die Gasse auf seinen Mitspieler. Für einen Achtjährigen ein beachtliches Timing. Gleich danach bietet er sich wieder an. Er bekommt den Ball zurück und leitet ihn mit dem zweiten Kontakt zu seinem anderen Mitspieler weiter. Sein Team hat nun ein annähernd gleichwinkliges Dreieck aufgebaut, Pep Guardiola könnte es kaum präziser entwerfen.

"Mit Funino schult man die Stärke eines Xavi, mit Funino macht man Xavis", sagt Horst Wein, der Funino vor dreißig Jahren erfunden hat. Xavi war die prägende Figur der spanischen Nationalmannschaft bei ihren drei Titelgewinnen 2008 bis 2012. Wein, 73, war früher Hockeynationaltrainer in Deutschland und Spanien, schrieb dann Bücher über Hockey-, später über Fußballtraining. Sein Steckenpferd ist der Kinderfußball.

Wein hat – hier ist das Wort ausnahmsweise angebracht – eine Fußballphilosophie entworfen. Er lässt Kinder Fußball nicht wie kleine Erwachsene spielen. "Ich passe die Regeln dem Kind an", sagt er.

Der DFB ist kein Pionier des Kinderfußballs

Beim Funino stehen viele Tore, fallen viele Tore. © Oliver Fritsch

Funino, wovon es rund vierzig Varianten gibt, ist nur eine von vielen seiner Reformideen. Wein würde die Saisons kürzen. Für Kinder sei ein Jahr eine Ewigkeit, sagt er. Er würde die Größe des Tors an die Durchschnittsgröße der Torwarte anpassen, um den Proportionen gerecht zu werden. Im Männerfußball steht ein etwa 1,85 Meter großer Mann in einem 2,44 Meter hohen Tor. Kindertore sind 2 Meter hoch, steht darin ein durchschnittlich großer Siebenjähriger (1,20 Meter), verteidigt er umgerechnet ein mehr als 3 Meter hohes Tor.

Wein stellt das Kind in den Mittelpunkt. Alle anderen müssen zurücktreten. Einen Schiedsrichter gibt es nicht beim Funino. Der Trainer muss sich zurückhalten, Positionen und Aufstellungen sind überflüssig. "Franz Beckenbauer und Fritz Walter hat kein Trainer das Fußballspielen beigebracht", sagt Wein. Und die Eltern sollen zuschauen und anfeuern, aber keine Siege oder Einwechslungen fordern. "Wie wäre es mit einer Wechselpflicht?", fragt Wein. Danach müsste jedes Kind eine Mindestzeit auf dem Platz stehen, aber auch für eine Mindestzeit auf die Bank.

Mit seinen Ideen hat Wein vor allem den spanischen Fußball beeinflusst, viele Jugendtrainer orientieren sich an ihm. Der FC Barcelona spielt seit einem Vierteljahrhundert Funino. Inzwischen wurden Weins Bücher in viele Sprachen übersetzt. Immer mehr Länder spielen nach seinen Ideen, Funino erobert die Welt. Italiens kürzlich zurückgetretener Sportdirektor, die Trainerlegende Arrigo Sacchi, hat Funino für den italienischen Kinderfußball angeordnet. Es produziere "denkende Spieler", sagt er, es verhelfe dem Straßenfußball zur Renaissance.

Zweihundert Tore

Deutschland ist im Juli Weltmeister geworden, die Nachwuchsschule des DFB wird allseits gelobt. Doch beim Kinderfußball gilt er nicht als Pionier. 2004 wollten Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger, die den Verband gemeinsam führten, Wein als Ideengeber verpflichten. Doch als kurz darauf Matthias Sammer Sportdirektor wurde, sei der Kontakt abgebrochen, sagt Wein. Die Homepage des DFB zeigt Funino-Videos, doch die meisten deutschen Kids treten noch immer jedes Wochenende im 7 gegen 7 an.

Neue Ideen setzen sich in Deutschland nur zögerlich durch. Viele Trainer wollen auch im Kinderfußball in erster Linie Spiele gewinnen, Titel holen. Dabei ist unstrittig: Ziel von Nachwuchsarbeit sollte es sein, Höchstleistung im Höchstleistungsalter zu erreichen. "In Deutschland spielen Kinder zu früh ein Spiel, für das sie körperlich nicht bereit sind", sagt Wein.

Die Initiative für Funino kommt in Deutschland aus wenigen Vereinen. Als Wein vor Jahren auf Bitten des damaligen Nachwuchsdirektors Bernhard Peters erstmals in Hoffenheim referierte, hinterließ er nachwirkenden Eindruck. Heute ist Funino das wichtigste Element in Hoffenheims Kinderfußball. Von Wein hat sich die TSG zu weiteren Reformen inspirieren lassen: Ergebnisse und Tore werden nicht mehr gezählt. Stattdessen besprechen sich Spieler und Trainer nach dem Spiel. Dann geben sich die Spieler selbst Noten. "So lernen die Kids früh, über Fußball zu denken und zu sprechen", sagt Drobisch. "Und der Störfaktor Ergebnis fällt weg."

In St. Pauli lässt Klose nur noch Funino spielen, die F-Jugend wird nicht mehr im normalen Hamburger Spielbetrieb (7 gegen 7) gemeldet. Der HSV dürfte unter dem neuen Sportdirektor Peters bald nachziehen. Drobisch setzt Funino in Hoffenheim als Ergänzung ein. Es sei zwar allen anderen Formen trainingswissenschaftlich überlegen, sagt er. Doch man dürfe nicht unterschätzen, dass Kinder gerne auch mal so spielen wollen wie die Großen – also auf nur zwei, dafür aber große Tore, mit Tormann. "Im Training sagen wir manchmal: Jetzt spielen wir 11 gegen 11 das WM-Finale nach. Ihr seid Deutschland und ihr Argentinien." Das mache den Kindern großen Spaß.

Am meisten Erfolgserlebnisse schafft Funino. Am Ende des Turniers von St. Pauli stehen alle Kids in der Mitte, es sind etwa fünfzig. In neunzig Minuten sind fast zweihundert Tore gefallen. Alle haben mindestens einmal getroffen. Beim herkömmlichen 7 gegen 7 gibt es Kinder, die in Jahren nicht ein einziges Tor schießen.