Beim Funino stehen viele Tore, fallen viele Tore. © Oliver Fritsch

Funino, wovon es rund vierzig Varianten gibt, ist nur eine von vielen seiner Reformideen. Wein würde die Saisons kürzen. Für Kinder sei ein Jahr eine Ewigkeit, sagt er. Er würde die Größe des Tors an die Durchschnittsgröße der Torwarte anpassen, um den Proportionen gerecht zu werden. Im Männerfußball steht ein etwa 1,85 Meter großer Mann in einem 2,44 Meter hohen Tor. Kindertore sind 2 Meter hoch, steht darin ein durchschnittlich großer Siebenjähriger (1,20 Meter), verteidigt er umgerechnet ein mehr als 3 Meter hohes Tor.

Wein stellt das Kind in den Mittelpunkt. Alle anderen müssen zurücktreten. Einen Schiedsrichter gibt es nicht beim Funino. Der Trainer muss sich zurückhalten, Positionen und Aufstellungen sind überflüssig. "Franz Beckenbauer und Fritz Walter hat kein Trainer das Fußballspielen beigebracht", sagt Wein. Und die Eltern sollen zuschauen und anfeuern, aber keine Siege oder Einwechslungen fordern. "Wie wäre es mit einer Wechselpflicht?", fragt Wein. Danach müsste jedes Kind eine Mindestzeit auf dem Platz stehen, aber auch für eine Mindestzeit auf die Bank.

Mit seinen Ideen hat Wein vor allem den spanischen Fußball beeinflusst, viele Jugendtrainer orientieren sich an ihm. Der FC Barcelona spielt seit einem Vierteljahrhundert Funino. Inzwischen wurden Weins Bücher in viele Sprachen übersetzt. Immer mehr Länder spielen nach seinen Ideen, Funino erobert die Welt. Italiens kürzlich zurückgetretener Sportdirektor, die Trainerlegende Arrigo Sacchi, hat Funino für den italienischen Kinderfußball angeordnet. Es produziere "denkende Spieler", sagt er, es verhelfe dem Straßenfußball zur Renaissance.

Zweihundert Tore

Deutschland ist im Juli Weltmeister geworden, die Nachwuchsschule des DFB wird allseits gelobt. Doch beim Kinderfußball gilt er nicht als Pionier. 2004 wollten Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger, die den Verband gemeinsam führten, Wein als Ideengeber verpflichten. Doch als kurz darauf Matthias Sammer Sportdirektor wurde, sei der Kontakt abgebrochen, sagt Wein. Die Homepage des DFB zeigt Funino-Videos, doch die meisten deutschen Kids treten noch immer jedes Wochenende im 7 gegen 7 an.

Neue Ideen setzen sich in Deutschland nur zögerlich durch. Viele Trainer wollen auch im Kinderfußball in erster Linie Spiele gewinnen, Titel holen. Dabei ist unstrittig: Ziel von Nachwuchsarbeit sollte es sein, Höchstleistung im Höchstleistungsalter zu erreichen. "In Deutschland spielen Kinder zu früh ein Spiel, für das sie körperlich nicht bereit sind", sagt Wein.

Die Initiative für Funino kommt in Deutschland aus wenigen Vereinen. Als Wein vor Jahren auf Bitten des damaligen Nachwuchsdirektors Bernhard Peters erstmals in Hoffenheim referierte, hinterließ er nachwirkenden Eindruck. Heute ist Funino das wichtigste Element in Hoffenheims Kinderfußball. Von Wein hat sich die TSG zu weiteren Reformen inspirieren lassen: Ergebnisse und Tore werden nicht mehr gezählt. Stattdessen besprechen sich Spieler und Trainer nach dem Spiel. Dann geben sich die Spieler selbst Noten. "So lernen die Kids früh, über Fußball zu denken und zu sprechen", sagt Drobisch. "Und der Störfaktor Ergebnis fällt weg."

In St. Pauli lässt Klose nur noch Funino spielen, die F-Jugend wird nicht mehr im normalen Hamburger Spielbetrieb (7 gegen 7) gemeldet. Der HSV dürfte unter dem neuen Sportdirektor Peters bald nachziehen. Drobisch setzt Funino in Hoffenheim als Ergänzung ein. Es sei zwar allen anderen Formen trainingswissenschaftlich überlegen, sagt er. Doch man dürfe nicht unterschätzen, dass Kinder gerne auch mal so spielen wollen wie die Großen – also auf nur zwei, dafür aber große Tore, mit Tormann. "Im Training sagen wir manchmal: Jetzt spielen wir 11 gegen 11 das WM-Finale nach. Ihr seid Deutschland und ihr Argentinien." Das mache den Kindern großen Spaß.

Am meisten Erfolgserlebnisse schafft Funino. Am Ende des Turniers von St. Pauli stehen alle Kids in der Mitte, es sind etwa fünfzig. In neunzig Minuten sind fast zweihundert Tore gefallen. Alle haben mindestens einmal getroffen. Beim herkömmlichen 7 gegen 7 gibt es Kinder, die in Jahren nicht ein einziges Tor schießen.