Am 19. Januar 2002 starb der Fußballer Jeff Astle, ein Idol des englischen Clubs West Bromwich Albion. Bis zum heutigen Tage ist sein Tod nicht vergessen, vor allem, weil er einen Präzedenzfall darstellen könnte, der dem englischen Fußballverband FA noch viel Ärger einbringen könnte.

Ein Gerichtsmediziner stellte damals fest, Astle sei an Demenz verstorben. An Demenz, unzweifelhaft verursacht durch die Traumata, die beim Köpfen eines schweren Balles entstehen können. Astle spielte von 1964 bis 1974 bei WestBrom, zu einer Zeit, als Fußbälle noch sehr viel schwerer waren als heutzutage. Hatte also tatsächlich das Kopfballspiel, ein elementarer Bestandteil des Fußballs, zu seiner Krankheit und schließlich seinem Tod geführt?

Astles Witwe Laraine wie auch seine Töchter Claire und Dawn waren und sind bis zum heutigen Tage davon überzeugt. Nach der Autopsie des besagten Gerichtsmediziners versprach die FA den Hinterbliebenen, eine Zehn-Jahres-Studie dazu durchzuführen, ob und wie sich das Kopfballspiel traumatisch auf den Gesundheitszustand des menschlichen Gehirns auswirken könne. Das war im Jahre 2002. Doch bis heute wurde keine solche Studie veröffentlicht.

Dawn Astle, die gemeinsam mit ihrer Schwester die Kampagne Justice for Jeff ins Leben gerufen hat, sagt: "Im März 2014 sagte man uns, dass die Studie nie beendet worden sei. Nichts davon wird jemals veröffentlicht werden." Sie ist davon überzeugt, die FA wolle sich aus der Situation herauswinden: "Bereits vor zwölf Jahren gab es genug Beweise, um entsprechende Fragen zu stellen. Indem die FA das Thema jetzt einfach unter den Teppich kehrt, tun sie nicht nur meinem Dad und uns Unrecht an, sondern dem gesamten Sport."  

"Verstörende Geschichten im ganzen Land"

Im Juni diesen Jahres hatte ein weiterer Arzt Astles Gehirn untersucht und gab die genaue Todesursache bekannt: Astle sei an Dementia pugilistica gestorben, auch bekannt als chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) oder Boxer-Syndrom – eine Dysfunktion des Gehirns, die bei Menschen auftritt, die häufigen Schlägen oder Stößen auf den Kopf ausgesetzt sind: "Dies wurde durch das Köpfen von Fußbällen verursacht", bestätigte der Mediziner gegenüber der BBC.

Die Astle-Familie und auch Menschen wie Richard Wickons glauben, Jeff Astles Fall könnte sogar nur die Spitze eines Eisberges sein: "Wir hören im ganzen Land diese verstörenden Geschichten", sagt Wickson, der Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Spieler des Reading Football Club. "Ich denke, dass die Behörden von weiteren Nachforschungen absehen werden, weil man sich vor Schadenersatzforderungen fürchtet." Die FA war für eine Stellungnahme zu diesem Thema nicht zu erreichen.  

Dr. Michael Lipton, Neurologe am Albert Einstein College of Medicine in den USA, hat zu der Frage, wie das Kopfballspiel sich auf das Gehirn einwirkt, eine Studie erstellt. Sein Befund: Jemand, der mehr als 1.000 Mal pro Jahr Kopfbälle spielt, könne tatsächlich traumatische Hirnverletzungen erleiden. "Dieses Jahr wurde schon bei einem sehr jungen Fußballspieler hier CTE diagnostiziert, der bereits verstorben ist. Auch in anderen Sportarten wie American Football wurde schon über viele solcher Fälle berichtet."

Dennoch will Lipton sich nicht darauf festlegen, dass allein das vermehrte Kopfballspiel Schuld an den Todesfällen des jungen Mannes und Astles war: "Was wir hier sehen, könnte zwar tatsächlich die Spitze eines Eisberges sein – doch als Wissenschaftler kann ich nur sagen, dass das tatsächliche potentielle Risiko nach heutigem Wissensstand nicht ausreichend quantifiziert werden kann."