Vielleicht lag es ja am Namen? Unicorns, die Einhörner. Ein Name wie aus einem Esoterikseminar. Das muss man sich erst mal trauen in einem Sport, in dem es von allem ums Angsteinflößen geht, in dem es vor Bears und Tigers, Eagles und Panthers nur so wimmelt. Auch die Gegner der Schwäbisch Hall Unicorns, die Lions aus Braunschweig, wählten eine schauerliche Bezeichnung. Ob sie deshalb gewonnen haben?

American Football ist der einzige halbwegs bekannte Sport, der nach einer Weltgegend benannt ist. Doch er wird auch außerhalb dieser Weltgegend gespielt, auch in Deutschland. Deutschland ist gar amtierender Europameister, nach einem Herzschlag-Finale im Sommer gegen Österreich, hätten Sie es gewusst?

Grund genug also, sich diesen German Bowl einmal anzuschauen. So nennt sich das Finalspiel, bei dem nach einer langen Saison der deutsche Meister gekürt wird. Übersetzt bedeutet das "deutsche Schüssel", als Anlehnung an den bekannten Super Bowl, das Endspiel der amerikanischen Profiliga NFL, ist das aber okay. Man muss nicht immer alles übersetzen, sonst würde es ja auch "Neukommer" heißen oder "tägliche Seife".

Pappeinhörner an der Stirn

Es ist schon der 36. German Bowl, was man aber nur versteht, wenn man römische Zahlen lesen kann. XXXVI. steht nämlich überall, so macht man das im Football. Er findet im Berliner Jahnsportpark statt, mittlerweile eine kleine Tradition. So sehr, dass die Footballteams und deren Fans, die sich für dieses Spiel qualifizieren, das Liedchen der Fußballer "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" übernommen haben.

Und wie sie nach Berlin fuhren! Aus Schwäbisch Hall startete ein eigens gecharterter Sonderzug, der viele Hundert gut gelaunte, in grün gekleidete Menschen aus dem Bausparkassen-Städtchen nach Berlin brachte. Sie nahmen auf der Haupttribüne Platz und machten tüchtig Lärm, einige hatten die Gesichter bemalt, andere trugen gar ein Einhorn aus Pappe auf der Stirn.

Aus Braunschweig fuhren etwa ein Dutzend Busse in die Hauptstadt. Die Löwen-Fans postierten sich auf der Gegengerade und gaben sich schon vor dem Spiel siegesgewiss. Ihr Team ist Rekordmeister, so etwas wie der FC Bayern des Footballs. Etwas irritierend ist nur, dass sie sich New Yorker Lions nennen, obwohl sie gar nicht aus New York kommen, sondern eben nur aus Braunschweig. Das liegt am Sponsor, diese Klamottenkette, die New Yorker heißt, aber auch aus Braunschweig kommt.

Per Kopfsprung zum Touchdown

12.591 Zuschauer waren da, ein Fünf-Jahres-Rekord trotz Ekelwetter, aber beileibe nicht nur Schwäbisch Haller und Braunschweiger. Überall sah man große, starke Männer in Football-Jacken und –Pullovern. Zum Beispiel die der Nürnberg Rams (Böcke), der Cologne Falcons (Falken), der Lüneburg Razorbacks (wildes Hausschwein), der Göttingen Generals (Generäle), der Cottbus Crayfish (Flusskrebse) oder der Berlin Adler (Adler).

Gemein war diesen Kerlen, dass sie alle sehr breite Kreuze hatten und man kaum an ihnen vorbei aufs Spielfeld schauen konnte. Es war so etwas wie das Klassentreffen der Kleiderschränke. Nach einem Bummel durch das Stadion jedenfalls hatte man große Lust, nach Hause zu gehen und ein paar Liegestütze zu machen.

Das Spiel an sich ist schnell erzählt. Die Unicorns machten früh drei Punkte und dann ganz lange keinen mehr. Sie hatten einen sehr schlechten Tag erwischt, wie ihr Trainer Siggi Gehrke, der das Team 1983 als Abiturient gegründet hatte, nach dem Spiel zugeben musste. Nichts hatte geklappt, sagte er, das erkannte auch ein Laie. Ein paar Mal zu oft warf der Nationalmannschafts-Quarterback Marco Ehrenfried den Ball zum Gegner und wenn es mit dem Mitdemballrennen klappen sollte, stand die Abwehr der Braunschweiger wie eine massige Mauer aus Fleisch im Weg.

Den Braunschweigern wiederum gelang fast alles. Vor allem ihr Quarterback, das ist im Football der Spielmacher, machte, was er wollte. Casey Therriault warf viele, viele gute Pässe und einmal, als er wieder einmal so viel Platz hatte, als ginge er mittags im Park spazieren, lief er bis zur gegnerischen Endzone und sprang über den letzten Gegenspieler per Kopfsprung zum Touchdown.