Joachim Löws Gesicht hatte selbst im sterilen Neonlicht des Presseraums im Warschauer Stadion ein kraftvolles Braun. Sein Hemd war weit aufgeknöpft, die polnische Herbstmilde gestattete es. Vor zwei Jahren hatte er an derselben Stelle gesessen, damals suchte er nach Worten und Fassung, damals war er aschfahl im Gesicht. Diesmal sprach er mit einem Lächeln, zurückgelehnt: "Man muss auch mal akzeptieren, dass man verliert."

Wieder Warschau, wieder verloren. Beim 1:2 gegen Italien im EM-Halbfinale 2012 erlebte Löw den schlimmsten Misserfolg seiner Karriere. Das 0:2 gegen Polen in der aktuellen EM-Qualifikation hatte sogar einen süßen Beigeschmack. Zwar war es bereits die zweite Niederlage im dritten Spiel, seit die deutsche Elf im Juli das WM-Finale gewann. Doch Löw hat durch den Titel seine alte Souveränität zurückgewonnen. Und er erlebte etwas Neues. Er konnte genießen, dass es den Gegnern heute viel mehr als früher bedeutet, gegen seine Elf zu gewinnen. Denn sie ist ja nun Weltmeister, und er ja auch.

Löw spürte in Warschau: Uns zu besiegen, ist was Besonderes. Jedem Zweikampf, jedem aussichtslosen Dribbling der Polen sah man an, dass es gegen den Weltmeister ging. Sie liefen, liefen, kämpften. Thomas Müller bekam den Arm von Kamil Glik an den Kopf. Christoph Kramer musste erneut einstecken. Man sah Grätschen in Serie. Dem Finalhelden Mario Götze nahmen die Verteidiger besonders gerne den Ball ab. Einmal foulte Robert Lewandowski Manuel Neuer beim Spielaufbau so hart, dass der Pole Gelb sah. Als Löw gefragt wurde, was ihm am polnischen Team gefallen habe, verwies er auf ihr Engagement.

Löw sagte nicht ohne Stolz, man habe auch an der Stimmung im Stadion gemerkt, dass es etwas Besonders für den Gegner gewesen sei, gegen seine Elf zu spielen. Bei der Hymne hörte man nur ganz wenige Pfiffe, dafür aber viel Applaus. Mit dem 1:0 durch den Ex-Augsburger Arkadiusz Milik wurde es dauerlaut. Fortan pfiffen die Fans bei jeder Schiedsrichterentscheidung vehement. Immer wieder schrie das ganze Stadion "Jesteśmy z Wami, Polacy" ("Wir sind mit euch, Polen!") und übertönte den Böhse-Onkelz-Schlager, mit dem die deutschen Fans wie immer ihre Mitmenschen anödeten.

Auch bei Länderspielen kann die Stimmung toll sein

Nach dem 2:0 lief der kurz zuvor eingewechselte Schütze Sebastian Mila mit aufgerissenen Augen auf die Ersatzbank zu, die ihm entgegen. Es schien, als würde er jeden Moment vor Freude platzen. Nach dem Abpfiff stürmten mehrere Flitzer nacheinander auf den Platz, um sich vom Publikum bejohlen zu lassen und mit ihrer Mannschaft zu feiern. Einige Spieler umarmten sie. Auch bei Länderspielen kann die Stimmung toll sein, man vergisst das in Deutschland so leicht.

Manche polnische Journalisten sprangen bei den Toren auf. Und in den Gesichtern der polnischen Fans stand das Glück geschrieben. Bis in den Morgen hörte man rund um den Palast der Kultur und Wissenschaft, eins der vielen Wahrzeichen der westlich anmutenden City Warschaus, den Gesang von "Polska biało-czerwoni" ("Polen rot-weiß"). Es war der ideale Tag für den ersten polnischen Sieg gegen die Deutschen (wenn man die gegen die DDR unterschlägt).