Es gab eine Szene, bereits in der ersten Halbzeit im Spiel gegen Union Berlin, da ließ sich ein zentraler Mittelfeldspieler zurückfallen, weil der Kollege Philipp Zieraus nach vorne drängte. Dieser Mittelfeldakteur stellte sich temporär in die Innenverteidigung, aufrecht, agil, mit einem gewissen Imponiergehabe. Ja, man kann sagen, er spielte ein wenig wie ein Silberrücken und dirigierte, wie vorher im Zentrum, nun das Spiel von hinten heraus – im Stil eines abgeklärten Routiniers mit mindestens hundert Länderspielen auf dem Buckel. Es fehlte nur die Kapitänsbinde. 

Und als er nach 76 Minuten ausgewechselt wurde, bekam er Standing Ovations, zurecht. Ich bin mir sicher, dass sein Vater, der seit vielen Jahren auf der Gegengeraden steht, in diesem Moment noch ein bisschen stolzer auf seinen Sohn war, als er es sonst immer schon ist. 

Der gefeiert Mann heißt Okan Kurt, er ist 19 Jahre alt, und 12 dieser 19 Jahre hat er beim St. Pauli verbracht. Für mich ist er (neben dem Mitdirigenten Enis Alushi) der Mann des Spiels – weil er am meisten verkörpert, was im Moment im FC passiert. Seit Thomas Meggle vor wenigen Wochen das Team übernommen hat, sieht man eine Handschrift und erkennt verloren geglaubte Tugenden wieder: Okan Kurt strahlt Selbstvertrauen aus, wenn er seelenruhig, ballsicher, technisch brillant im neuen, extrem variablen Mittelfeld an den Fäden zieht. Auf dem Platz zeigt er Biss und Mut.

Sieben Punkte aus drei Spielen

Dass er dies so souverän tut ist mit ein Verdienst des Trainers. Kurt, und genauso der zweite juvenile Senkrechtstarter, der 20-jährige Andrey Startsev, waren bis vor Kurzem Meggles Schüler in der U23. Seit der damalige Lehrmeister die erste Mannschaft trainiert, lässt er keine Gelegenheit aus, seinen jungen Spielern Chancen zu bieten.

In einer heiklen Phase der aktuellen Meisterschaft, in der St. Pauli den Anschluss ans Mittelfeld zu verlieren drohte, stellte er nun schon zum wiederholten Mal beide in die Startelf. Beide enttäuschten wieder nicht – genauso wenig wie ein anderer Neuer: Enis Alushi. Der Routinier von 28 Jahren durfte am Samstag erstmals von Beginn an ran.

Auf der Pressekonferenz nach dem verdienten 3:0 konnte man einen Trainer Meggle beobachten, der fast platzte vor Glück. Sieben Punkte aus drei Spielen: Schneller als erwartet scheint er den Turnaround zu schaffen. Mit einer Truppe, die in Kürze zusammengewachsen ist.

Wenn Meggle aber gebeten wird, über einzelne Spieler zu reden, bleibt er einfach stumm. Zur Glanzleistung von Alushi bei dessen Startelf-Premiere wollte er partout keinen eigenen Satz formulieren. Und hätte man ihn gedrängt, etwas zu Kurt zu sagen, wäre auch nichts gekommen.

Aber man spürt es: Wenn dieser junge deutsch-türkische Originalhamburger Okan Kurt (neben dem Platz ein ruhiger freundlicher Mann, der bestimmt alten Frauen über die Straße hilft) sich wie der unangefochtene Boss zwischen seinen Kumpels in Szene setzt, den Aufbau dirigiert, dann ist das genau, was Meggle will. Vor niemandem verstecken, ruhig Silberrücken spielen.

Unter dem neuen Trainer Meggle ist der FC St. Pauli in Kürze angstfrei geworden. Man kann sich darauf freuen, dass die Jungs die neue Devise im Pokal gegen Dortmund genauso beherzigen werden.