Da kann man noch so viele Tore in der Verlängerung eines WM-Finales erzielen, noch so viele Facebook-Fans haben, noch so viele Spielerfrauen verschleißen. Wenn sich die großen weißen Flügeltüren des Schlosses öffnen, in dem der erste Mann des Staates wohnt und ein gebügelter Mensch hinauskommt, der feierlich verkündet: "Meine Damen und Herren, der Bundespräsident", dann ist erst einmal Ruhe.

Schüchtert ja auch ein bisschen ein, der Große Saal im Schloss Bellevue, in dem sonst Staatsbankette stattfinden oder blasse Bundespräsidenten ihre Rücktritte bekannt geben. Vier riesige Kronleuchter an der Decke, die große Flagge mit dem Bundesadler, die feierlich herumsteht und an den Stirnseiten des Saals zwei raumhohe Bilder, ein gelbes und ein rotes, von Gotthard Graubner, "Begegnungen". Bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes schrumpft auch ein Fußballweltmeister auf Menschenmaß.

Und tatsächlich saßen sie da in der ersten Reihe, Mertesacker neben Lahm neben Kroos neben Kramer, es ging nach Alphabet, auffällig zurückhaltend und demütig. Sie hatten sich alle in die gleichen dunklen Ausgehanzüge genäht, graues Hemd, schwarze Krawatte. Einigen stand es, Mertesacker und Khedira etwa. Andere, die jüngeren, die Ginters, Durms, aber auch die Lahms und Kroos’ sahen aus, als feierten sie im Großen Saal des Schloss Bellevue ihre Konfirmation. Und Mutti hat ihnen die Sachen rausgelegt.

Podolski suchte Leute, die mitgrinsten

Nun hat die derzeitige Fußballgeneration den Ruf, dass sie weiß, was sich gehört. Sie raucht nicht, trinkt nicht, türmt nicht aus dem Mannschaftshotel und benimmt sich auch sonst so, wie man es von ihr erwartet: professionell. Wahrscheinlich ging es früher, als die Weltmeister von 1974 geehrt wurden, auch nicht viel wilder zu. Aber ein wenig mehr hatte man sich schon erhofft. Ein Grinsen hier, ein Foppen da, Jungs auf Klassenfahrt halt.

Nur da vorne rechts hatte sich eine kleine Fraktion breitgemacht, die anfällig für Kichereien war. Sie reichte von S wie Schweinsteiger über P wie Podolski bis Ö wie Özil. Während des Programmpunktes "Hornisten der Berliner Philharmoniker mit 'Philharmonischen Einwürfen'", bei dem eben diese Hornisten gewagt die deutsche Nationalhymne mit Samba- und Bossa-Nova-Elementen sowie So ein Tag, so wunderschön wie heute vermedleyten, um das Ganze mit einem feschen "Tor"- Schrei abzuschließen, da grinste Lukas Podolski und suchte rings um sich herum Leute, die mitgrinsten. Aber da war nichts zu machen. Alle waren artig.

Wie Freiherr von Knigge persönlich

Nur Johannes B. Kerner fing sich ein paar Witzeleien aus der ersten Reihe ein. Der moderierte mit Gipsbein und Krücken, weil er sich vor ein paar Wochen beim Joggen den Fuß gebrochen hatte. Bei ihm durften sie. Kerner rief die einzelnen Spieler nach vorne zur Überreichung des Lorbeerblattes. Das ist die höchste Auszeichnung, die für einen deutschen Sportler vorgesehen ist. Sie ist das athletische Äquivalent zum Bundesverdienstkreuz. Ein Goldenes Lorbeerblatt gibt es nicht.

Die Spieler standen brav auf, knöpften auf dem Weg nach vorne ihr Jackett zu wie Freiherr von Knigge persönlich, schüttelten die Hand des Bundespräsidenten, dann die der Kanzlerin, schließlich die des Innenministers Thomas de Maizière, nahmen das Lorbeerblatt samt Urkunde in Empfang, posierten mit den drei anderen zehn Sekunden lang für die Fotografen und setzten sich wieder.