Als ich auf den Tag genau vor fünf Jahren am Telefon von Robert Enkes Tod erfuhr, war das für mich unfassbar, ein Erdrutsch. Diese Tragödie beschäftigt mich bis heute.

Robert war unser Mannschaftsführer in Hannover. Einen besseren kann man sich als Trainer nicht wünschen. Er konnte zuhören, war besonnen, nie laut, ein sehr fleißiger, professioneller Fußballer; eben ein Vorbild. Mit ihm führte ich regelmäßig gute Gespräche, oft auch über die Zukunft. Dass er krank und so verzweifelt war, habe ich nie gespürt.

Die Frage, die ich mir seit diesem traurigen Tag oft stelle: Warum hast du mir nichts gesagt, Robert? Vielleicht hätte ich dir doch helfen können. Ich fühle mich zwar nicht schuldig. Aber natürlich frage ich mich noch immer, ob ich etwas von seiner Krankheit hätte bemerken müssen.


Damals stellte ich mir noch eine Frage: Wir hatten eine sportlich gute Phase, also gab ich in der Länderspielpause zwei Tage frei. Am Abend des zweiten Tags nahm sich Robert das Leben. Was wäre also passiert, hätte ich nicht frei gegeben? Aber diese Frage ist natürlich Unsinn, Selbstqual.

Viele Leute sprechen mich noch heute auf Robert an; mancher fragt auch, ob ich sauer auf ihn bin. Vor seinem Tod lief es in Hannover sportlich wieder gut. Danach erlebten wir Misserfolg, im Januar 2010 wurde ich entlassen.

Aber wie könnte ich das Schicksal Roberts mit meinem vergleichen? Nichtbetroffene können über Depression viel lesen und reden. Nachempfinden können wir den Leidensdruck nicht. Für Depressive sind die meisten Tage dunkel und aussichtslos. Nicht zu vergleichen mit den paar schlechten, wie sie jeder mal erlebt.

Die Anteilnahme war groß und ehrlich

Unsere Mannschaft traf Roberts Tod sehr. Fußballer sind zwar Profis, aber es sind Menschen, junge Kerle, von denen viele bis dahin nie mit dem Tod zu tun hatten. Ich hatte zu dieser Zeit schon meine Eltern verloren, auch Freunde. Ein paar Jahre zuvor, als ich Nachwuchsleiter in Karlsruhe war, starb ein 18-jähriger Spieler bei einem Autounfall. Auch damals musste ich mit einer sehr jungen Mannschaft eine Tragödie bewältigen.

In Hannover war Robert die Leitfigur meiner Spieler, ihre Trauer war tief und echt. Damals sprach ich oft mit ihnen über die Frage: Wie trauert man? Ich versuchte ihnen zu vermitteln, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt.

Ich sagte ihnen: Ihr dürft im Training auch wieder lachen. Ihr sollt die Lust am Spiel wieder finden. Robert hätte das genauso gesehen und gewollt. Doch sein Nachfolger Florian Fromlowitz hatte manchmal das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, dass er dessen Platz einnahm. Für ihn war es besonders schwer.

Die Anteilnahme war groß und ehrlich, die Trauerfeier im Stadion intensiv. Fans, die sonst laut waren, waren plötzlich leise. Gefühle wurden offen gezeigt, man musste einmal nicht "stark" sein. Das waren tiefe Momente. Doch ein großes Problem für uns war, dass alles öffentlich war. Wir wurden nicht in Ruhe gelassen.