Es ist die zweite Partie in Sotschi, die vierte Stunde des Kampfes. Weiß hat Schwarz an den Rand gedrückt. Noch ist nichts entschieden, materiell steht es gleich. Aber es ist klar, wer jetzt auf einen Sieg hoffen kann und wer um das Remis zittern muss. 

Magnus Carlsen hat zwei Türme und die Dame in die Mitte des Brettes manövriert. Drei Schwerfiguren auf einer Linie. Mehr Kraft hat Schach kaum zu bieten. Jeder, der aufs Brett schaut, spürt diese Kraft.

Viswanathan Anand braucht jetzt Selbstvertrauen, einen kühlen Kopf, Ideen. Auch Bedenkzeit könnte er brauchen, denn seine läuft gleich ab. Er tauscht einen Turm, stellt eine Falle. Carlsen fällt nicht hinein.

Sechs Züge noch bis zur Zeitkontrolle, vier Minuten. Jetzt aber schnell. Anand zieht einen Randbauern zwei Felder vor. Er sieht nicht, was Carlsen sieht.

Carlsen beißt sich auf die Lippen. Er blinzelt. Er runzelt die Stirn. Auch die weniger guten Schachspieler im Spielsaal kneifen die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Was, wenn Carlsen die Dame nach b7 zieht?

Carlsen setzt an zu ziehen, zögert, setzt wieder an, zögert wieder. Dann spielt er die Dame nach b7. Anand versteinert; er sitzt, als wäre alles Leben aus ihm gewichen. Hatte sein Teamchef, der wortgewaltige Deutsche Hans-Walter Schmitt, nicht dieser Tage gesagt, man müsse bereit sein, für den Sieg zu sterben? Für den Sieg. Aber für die Niederlage?

Anand sitzt da wie gemeißelt. Er rührt sich nicht. Er hat keine Zeit mehr, aber sie dehnt sich. Sind es Bruchteile von Sekunden? Sind es Jahre? Sind es die dreieinhalb Monate, die er sich auf diesen Kampf vorbereitet hat?

In zwei Stunden fertig sein?

Schließlich fällt die Starre von ihm ab. Er reicht Carlsen die Hand, gratuliert.

Schach, mehr noch als anderer Sport, bewegt sich zwischen Behauptung und Tatsache. Was hatte man vor dieser Partie nicht alles behauptet!

Carlsen würde mit dem Damenbauern eröffnen. Das sei besonders aggressiv. – Er zieht den Königsbauern.

Carlsen würde voll auf Angriff spielen, um den ersten Punkt zu machen. – Er legt die Partie superruhig an.

Carlsen würde unbedingt in zwei Stunden fertig sein wollen, weil in der englischen Premier League dann Swansea City gegen den FC Arsenal spielt. Mit Wilfried Bony!

Das behauptet am Sonntagmittag Carlsens Schulfreund Johannes Kvisla in einem Live-Blog der Osloer Zeitung Aftenposten.

Carlsen kennt alle Namen

Für Aftenposten schreibt auch Kurt Haugli, der im WM-Presseraum in Sotschi sitzt. Ein lebensfroher Kollege. Man kriegt schon gute Laune, wenn man ihn sieht. Sportreporter. Reist überall hin, wo Norweger am Start sind. Kennt sich mit Ski bestens aus, mit Schach noch nicht so.

Haugli erzählt von der Abmachung, die Magnus mit dem norwegischen Fernsehen getroffen habe: Wenn sie ihn schon dauernd vor die Kamera zerren, dann sollen sie ihm, dem Weltreisenden, doch bitteschön ihren Sportkanal im Internet freischalten, der außerhalb Norwegens sonst geblockt ist. "Haben sie gemacht", sagt Haugli.

Magnus sei verrückt nach Sport. Zwischen seinen Schachturnieren sei er zu den Olympischen Spielen nach Sotschi gefahren, zur Tour de France, zur Fußball-WM. Als Zuschauer. Er kenne die Namen aller Spieler der amerikanischen Baseball-Liga. Er müsse schon deshalb Schachweltmeister bleiben, um die Zeit zu haben, all seinen Helden nachzureisen!

Gut, lieber Kurt Haugli, das leuchtet ein. Aber, blöde Frage vielleicht, wer ist Wilfried Bony? "Ein Stürmer von der Elfenbeinküste, der jetzt in England spielt", sagt Haugli. Und was findet Carlsen an dem so gut? "Das wissen wir auch nicht." Große Heiterkeit. Als norwegischer Schachreporter lebt man von Magnus und seinen Schrullen.

Druck, Zug um Zug

Carlsen gibt der von ihm so ruhig begonnenen Partie eine Wendung, als er im 14. Zug unerwartet den Damenturm hervorzieht, um ihn vor den eigenen Bauern auf den anderen Flügel zu überführen. Die Schachkommentatoren im Internet murmeln vor sich hin: Ja, bringt das was?

Binnen weniger Züge stehen drei weiße Offiziere dem schwarzen König gegenüber. Ein Angriff aus dem Nichts. Es gibt Möglichkeiten der Gegenwehr, aber es gibt eben auch diesen Druck, Zug um Zug.

Anand greift fehl. Carlsen siegt.

Auch Swansea City gewinnt. Allerdings ohne ein Tor von Wilfried Bony. In der 76. Minute wird er ausgewechselt. Für den Mann von der Elfenbeinküste kommt ein schwarzer Franzose, Bafetimbi Gomis. In der 78. Minute schießt er das 2:1, die Entscheidung.

Bei der Schach-WM in Sotschi steht es jetzt 1,5 zu 0,5 für Magnus Carlsen. Am Dienstag um 13 Uhr deutscher Zeit geht es weiter.

Alles rund um die Schach-WM 2014 finden Sie auf unserer Themenseite. Die gesammelten Reportagen unseres Schachreporters Uli Stock, der direkt aus Sotschi für ZEIT ONLINE und DIE ZEIT berichtet, stecken hier. Unser Schachblog, das auch die WM begleitet, ist hier zu finden.

Zusätzlich haben wir eine Twitterliste zur Schach-WM eingerichtet.

Und falls Sie von derlei hochklassigem Schachgespiele motiviert sind, es selbst einmal auszuprobieren: Hier können Sie bei uns Schach spielen.