Was, schon Schluss? Die Zuschauer im Saal der Schach-WM in Sotschi haben es sich gerade in ihren Sesseln bequem gemacht, da stehen die beiden Kämpfer am Brett schon wieder auf. Remis durch Zugwiederholung nach 62 Minuten! Es ist die schnellste Partie dieser Weltmeisterschaft und die schnellste vielleicht überhaupt seit im Jahr 1886 das erste Duell um den Titel ausgefochten wurde.

Das hatte – in diesem Kampf der Erwartungen – mal wieder niemand erwartet. Norwegen wollte einen Sieg, um seinen Nationalhelden Magnus Carlsen mit dem angemessen deutlichen Vorsprung wieder Weltmeister werden zu sehen. Indien war auf eine lange, schwierige Verteidigung eingestellt, nach dem Vorbild der siebten Partie, die sechs Stunden und 20 Minuten gedauert hatte, bis das Unentschieden schließlich amtlich war.

Es kommt ganz anders. Magnus Carlsen, dessen Sekundanten zuletzt mit einer guten Idee für Schwarz geglänzt hatten, bringen mit Weiß nichts zustande. Oder ist der Theorieverächter Carlsen etwa frühzeitig abgewichen von den Empfehlungen seines Teams?

Nicht nur das Hier und Jetzt, auch das Dort und Dann

Statt die ersten zwanzig Eröffnungszüge zur Überwindung der sogenannten Berliner Mauer aufs Brett zu blitzen, spielt er schon im elften Zug etwas anderes als in der siebten Partie. Statt den Damenläufer in die Brettmitte zu entwickeln, schickt er seinen Damenspringer auf eine längere Reise, deren Ziel nicht ganz klar ist.

Anand braucht nicht lang für seine Erwiderung. Er greift den Springer an. Carlsen muss sich entscheiden. Wohin mit dem Springer? Er versinkt in langes Nachdenken – sehr ungewöhnlich. Denn er ist es doch, der Anand überraschen wollte.

Carlsen bewegt seinen Springer in Richtung des gegnerischen Königsflügels und wird nun ein zweites Mal überrascht: Anand zieht seinen Läufer um ein Feld zurück. Von a6 nach b7, wie man unter Schachspielern sagt. Eben noch strahlte der Offizier übers halbe Brett, nun steht er versteckt hinter eigenen Bauern.

Im Schach zählt aber nicht nur das Hier und Jetzt, sondern auch das Dort und Dann. Später in der Partie könnte sich im Verschlag des Läufers eine Scharte öffnen, durch die er den weißen König ins Visier nähme.

Natürlich geht es im Schach zuvörderst um das, was gerade droht; aber untergründig schwingen die Optionen mit, das, was später Bedeutung erlangen kann.