Magnus Carlsen kommt am Dienstag selbstbewusst zur dritten Partie. Alles scheint auf ihn zuzulaufen. Die erste Partie hätte er fast gewonnen, die zweite hat er klar für sich entschieden. Jetzt ein Remis mit Schwarz und danach die Führung ausbauen, das wäre ein Plan!

Die norwegischen Reporter strahlen, sie dominieren auf den Fluren der WM. Diverse Fernsehteams sind da, etliche schreibende Kollegen. Es wird gesendet und gebloggt, was das Zeug hält. Aus jeder Kleinigkeit entsteht eine Meldung. Carlsens Manager Espen Agdestein spricht unentwegt in Mikrofone. Ganz Norwegen fiebert mit Magnus.

Kurz vor Beginn der Partie berichtet Aftenposten über ein Machtwort des Osloer Bürgermeisters. Es könne nicht sein, sagt Fabian Stand, dass in den Behörden wegen der WM die Arbeit ruhe: "Wenn wir arbeiten, dann arbeiten wir. Okay, man kann mal kurz reinschauen. Aber stundenlang vor dem Schirm zu sitzen, dafür fehlt mir jedes Verständnis."

Kein Schach während der Arbeit!

Seine Sorge ist nicht unbegründet. Das norwegische Fernsehen zählte am Wochenende bei den Live-Übertragungen aus Sotschi 1,7 Millionen Zuschauer – das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Der Bürgermeister appelliert an das Verantwortungsbewusstsein von Feuerwehrmännern, Krankenschwestern und Notärzten: "Jeder von uns arbeitet für jemanden in der Stadt. Wer uns braucht, darf nicht leiden, weil unsere Angestellten während der Arbeitszeit die Schachweltmeisterschaft verfolgen."

Viswanathan Anand hat andere Sorgen. Ein Sieg muss her. Zur Not ein Remis. Eine Niederlage geht gar nicht. Die nichtnorwegischen Schachreporter auf den Fluren, seien sie nun aus Spanien, den Niederlanden oder aus Russland, fürchten schon das Schlimmste. Bei der letzten WM in Chennai hatte Anand gegen Carlsen nicht eine Partie gewinnen können. Nach zehn Runden des auf zwölf Runden angesetzten Duells war vorzeitig Schluss, weil Carlsen nicht mehr einzuholen war nach drei Siegen und sieben Unentschieden.

Sollte es wieder so kommen? Sollten all diejenigen recht behalten, die in Anand keinen würdigen Herausforderer sehen, weil er schon 44 ist und Carlsen erst 23?

Anand eröffnet aufs Neue mit dem Damenbauern. Carlsen weicht schnell von seiner Zugfolge aus der ersten Partie ab. Da war er unter Druck geraten, konnte sich später aber befreien. Unter Druck kommen will er nicht wieder. Er spielt eine aktuelle Variante des Damengambits, die in den vergangenen Tagen und Wochen bei verschiedenen Großmeisterturnieren erprobt wurde. Heute weiß man das alles, die Datenbanken speichern jeden Zug. Wer sich auf eine Partie vorbereitet, studiert die letzten Entwicklungen und sucht nach einer Verbesserung.  

Anand spielt anfangs sehr schnell. Er muss nicht überlegen. Das hat das Team seiner Sekundanten vor der Partie für ihn getan. Er muss sich nur an die vorbereiteten Züge erinnern. Am Damenflügel kommt es zu einem Scharmützel. Anand opfert einen Bauern und schiebt dafür einen anderen bis auf die siebte Reihe vor. Noch einen Schritt und es gibt eine Dame.

Carlsen geht das Tempo bis zum 17. Zug mit, dann versinkt er in tiefes Nachdenken. Wenn er den vorgerückten Bauern nicht beseitigen kann, sieht es schlecht aus für ihn. Er verbraucht jede Menge Zeit, weil er die komplizierten Varianten am Brett berechnen muss. Anand spielt weiterhin schnell. Alle seine Züge sind von anderen Großmeistern in Vorläuferpartien schon gespielt worden, erst sein 20. Zug ist eine Neuerung. Man darf annehmen, dass er und sein Team auch über diesen Zug hinaus noch Möglichkeiten ausgelotet haben.

Mit jedem Zug droht der Absturz

Carlsen ist da längst allein auf einem ihm unbekannten Terrain. Es erweist sich als arg zerklüftet. Jeder Zug will gut überlegt sein. Mit jedem Zug droht der Absturz.

Anand spürt die Kraft seiner Vorbereitung. Er kann sie auf dem Brett sehen. Er steht einfach gut. Nichts ist entschieden, nichts ist gewonnen. Aber das Zappeln am anderen Ende nimmt stetig zu.
Carlsen findet noch ein paar hübsche Gegendrohungen, aber das ändert an seiner Misere nichts. Er wird den weißen Bauern auf der siebten Reihe einfach nicht los. Schließlich schlägt er ihn im 29. Zug mit dem Läufer. Jetzt wird der Läufer aber gefesselt, wie man im Schach sagt. Anand hindert ihn am Wegziehen. Er nagelt ihn geradezu fest, um ihn bei nächster Gelegenheit zu verschlingen. Der Tiger von Madras – sein Appetit ist geweckt.

Im 34. Zug reicht Magnus Carlsen die Hand übers Brett. Aufgabe. Ohne ein Wort springt er vom Spieltisch auf und rennt von der Bühne.

Noch neun Partien

Die Beobachter reiben sich die Augen. Was ist denn hier passiert? Schnell steht das Urteil fest, vielleicht zu schnell: Diese Niederlage habe Carlsen seinen Sekundanten zu verdanken. Sie hätten ihn am Ruhetag besser präparieren müssen. Spötter vermuten, es lag an zu viel Basketball. Am Montag, in der Mittagsstunde, auf dem Platz hinter seinem Hotel, hatte man sie alle sehen können, hopsend und springend, Carlsen, seine Sekundanten, seinen Vater, seinen Manager, seine Schwester.

Aber erstens ist das der reine Neid und zweitens war dies erst die dritte Partie. Neun bleiben zu spielen. Da wird es auf Reaktionsvermögen und gute Durchblutung noch sehr ankommen.
Die vierte Partie beginnt am Mittwoch um 13 Uhr deutscher Zeit.

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