Einen seiner letzten großen Triumphe hat er in Berlin gefeiert. Im Februar 1990, als da auf dem Papier noch eine Sowjetunion war und Wiktor Tichonow Staatstrainer der erfolgreichsten Sportmannschaft, den diese Weltmacht hervor gebracht hat. Acht Mal machte er die Sbornaja, das sowjetische Eishockeyteam, zum Weltmeister und drei Mal zum Olympiasieger. In jenem Februar nun, drei Monate nach dem Fall der Mauer, gastierte er in der Eissporthalle an der Jafféstraße mit ZSKA Moskau, was zu sowjetischen Zeiten keinen großen Unterschied gemacht hatte. ZSKA war die Nationalmannschaft.

Doch die Winde der Veränderung, sie waren längst zum Orkan angewachsen und hatten neben der alten Ordnung auch Tichonows beste Spieler weggeweht.

In die nordamerikanische Profiliga NHL, die Tichonow hasste wie sonst nichts auf der Welt (abgesehen von Michail Gorbatschow, den er noch im hohen Alter einen Verräter nannte). Der auf der ganzen Welt bewunderte Super-Block mit den Verteidigern Fetissow und Kassatonow, den Stürmern Makarow, Krutow und Larionow verdingte sich schon im für Tichonow immer noch feindlichen Ausland, als die Endrunde des Europapokals anstand, der Weltverband IIHF hatte sie aus politisch-symbolischen Gründen an West-Berlin vergeben. 

Oberst der Roten Armee und Leninorden

ZSKA gewann dieses Turnier mit der Leichtigkeit der vergangenen zwölf Jahre. Und Tichonow unternahm einen ersten Versuch, sich den gewendeten Zeiten anzupassen. Er plauderte über demokratische Instrumente wie einen Spielerrat, und selbstverständlich werde die Siegprämie unter den Spielern aufgeteilt.

Wäre ein Spieler ein paar Wochen früher mit solchen Ideen zu ihm gekommen – Tichonow hätte ihm sofort ein paar Strafrunden aufgedrückt. Barfuß auf dem Eis.

Wiktor Tichonow war der letzte Stalinist auf dem Eis. Er trug diesen Titel so stolz wie den eines Oberst der Roten Armee und den Leninorden. Mit seinem Namen wird auf ewig das läuferisch und technisch perfekte Eishockey der Siebziger und Achtziger Jahre verbunden sein. Dieses Eishockey ist schon lange Geschichte und jetzt ist es auch Wiktor Tichonow. In der Nacht zu Montag erlag er mit 84 Jahren in einer Moskauer Klinik einer langwierigen Krankheit.

Beerdigung des Vaters? Vergiss es!

ZSKA war das Lebenswerk des Moskauers, er verbrachte sein gesamtes Leben in der Heimatstadt, unterbrochen nur von fünf Jahren in Riga, wo er ein drittklassiges Team in die sowjetische Staatsliga führte. Riga war seine Lehrzeit, ZSKA sein Meisterstück. Was auf dem Eis spielerisch aussah, war das Ergebnis körperlichen und psychischen Drills, wie er nur in einem totalitären System möglich war.

Tichonow jagte seine Spieler sechs Stunden täglich sieben Mal in der Woche an elf Monaten im Jahr übers Eis. Der Stürmer Wjatscheslaw Bykow hat einmal erzählt, wie ein Kollege um die Befreiung vom Training bat, weil er an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen wollte. Tichonow habe geantwortet: "Was willst du denn da? Du kannst deinem Vater nicht mehr helfen."